7. Jahrgang Nr. 10 / 26. Oktober 2007 - 14. Cheshwan 5768

Hort der Freiheit

Vor 100 Jahren zog die “Hochschule für die Wissenschaft des Judentums” in die Tucholskystraße 9 – heute Sitz des Zentralrats der Juden in Deutschland

Von Hans-Ulrich Dillmann
Ein in Stein gehauener Löwenkopf schaut auf die Besucher des Hauses Tucholskystraße 9 - jüdisches Symbol der Weisheit. Am 19. April 1999 zog der Zentralrat der Juden in Deutschland in das Gebäude, dass nach dem 1956 verstorbenen Rabbiner Leo Baeck benannt ist. Im Zentrum Berlins, wo heute der Sitz des Zentralrats ist, befand sich seit der Fertigstellung des Hauses am 22. Oktober 1907 - vor genau 100 Jahren - die angesehendste Bildungsinstitution des liberalen Judentums in Deutschland: die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums.
In dem dreistöckigen Gebäude, das der Architekt Johann Hönniger (1850-1913) entworfen hatte, waren zwei Auditorien und eine Aula mit 200 Plätzen, Seminarräume, Konferenz- und Professorenzimmer untergebracht. Außerdem gab es ein Büchermagazin, einen Lesesaal und eine Bibliothek, die rund 60.0000 Bände umfasste. Darüberhinaus verfügte die Hochschule über eine reichhaltige Sammlung von Ritualgegenständen.
Die jüdische Hochschule wurde bereits am 6. Mai 1872 von Moritz Lazarus, Moritz Meyer und Dr. Salomon Neumann gegründet, als selbstständige, von Staats-, Gemeinde- und Synagogenbehörden unabhängige Lehranstalt zum Zwecke der Erhaltung, Fortbildung und Verbreitung der Wissenschaft des Judentums. Ziel war unter anderem die Ausbildung von Rabbinern und Religionslehrern. Anfangs wurde sie nur als Lehranstalt anerkannt. Das hat dem Ansehen der Hochschule jedoch nicht geschadet. Zu den jüdischen Wissenschaftlern gehörte neben Leo Baeck, der seit 1912 dort lehrte, auch der Rabbiner und Judaist Abraham Geiger, zu dessen Veranstaltungen Studenten aus aller Welt an die Spree reisten.
Aber erst 1922 wurde dem “jüdischen Lehrhaus” die ihm gebührende Anerkennung zu teil. Fortan durfte sie als “Hochschule für die Wissenschaft des Judentums” firmieren. Die von der Hochschule in den Folgejahren herausgegebenen “Schriften der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums” waren richtungsweisend für die Entwicklung des liberalen Judentums. 1931 waren 109 Studenten eingeschrieben.
In den Jahren unmittelbar nach 1933 bot die jüdische Hochschule vielen jüdischen Wissenschaftlern und Gelehrten Unterschlupf und geistigen Halt. Zu ihnen gehörte auch Martin Buber, der, wie viele andere, nach der Pogromnacht 1938 aus Deutschland geflohen ist. Für die wenigen Studenten, die schließlich übrig geblieben waren, wurde die Hochschule während der Zeit des Naziterrors zu einer Insel des Wissens, wo sie sich in die Mysterien des Talmuds und der Bibel vertiefen konnten.
Für den 1921 geborenen Rabbiner Nathan Peter Levinson, einer der letzten zwölf Studenten, war die jüdische Hochschule ein Hort der Freiheit: “Draußen waren die Gewalt, der Schrecken, die Einschüchterung, die Entrechtung. Innerhalb der Mauern und Lehranstalt fühlte man sich wie in einer anderen Welt, der Welt des Geistes, die nicht bezwungen werden kann.”
Die damaligen Bemühungen, die akademische Institution nach London zu verlegen, scheiterten an den immer wieder verschärften gesetzlichen Bestimmungen. Am 19. Juli 1942 wurde die Einrichtung geschlossen, die Bibliothek von der Gestapo beschlagnahmt, der Hochschulleiter Leo Baeck, der seit dem 17. September 1933 auch die Reichsvertretung der Deutschen Juden leitete, nach Theresienstadt deportiert.
Während der DDR-Zeit diente das Gebäude der ehemaligen Hochschule als Wohnhaus, vorwiegend für leitende Mediziner der in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen Medizinischen Fakultät der Charité. Erst im Jahre 1988 wurde an der Hausfront eine Gedenktafel angebracht, die an die Geschichte des Gebäudes erinnerte. Nach der Wende ging das Haus im Rahmen des Restitutionsverfahrens in den Besitz der Jewish Material Claims Against Germany (Claims Conference) über und wurde vom Zentralrat der Juden in Deutschland erworben, renoviert und restauriert.