7. Jahrgang Nr. 10 / 26. Oktober 2007 - 14. Cheshwan 5768

"Das ist ein Warnzeichen"

Zentralrat der Juden empört über Ergebnisse der neuesten Forsa-Umfrage zur NS-Zeit

"Das Ergebnis der aktuellen Umfrage ist hässlich, desaströs und macht mich traurig und wütend", so reagierte der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, auf die jüngste Umfrage des Forsa-Instituts, nach der jeder vierte Bundesbürger dem Nationalsozialismus auch gute Seiten abgewinnen kann. Graumann: "Wir sollten das als Warnzeichen sehen, aber nicht in Alarmismus verfallen." 25 Prozent der Befragten vertraten demnach die Ansicht, dass unter den Nazis nicht alles schlecht gewesen sei. Als positive Beispiele wurden etwa der Bau der Autobahnen oder die Förderung der Familie genannt. 70 Prozent waren der Meinung, dass die NS-Diktatur keinerlei gute Seiten hatte. Fünf Prozent antworteten mit "weiß nicht".
Graumann machte auch Prominente wie Eva Herman und den Kölner Kardinal Joachim Meisner für die Umfrageergebnisse verantwortlich. Beide hätten mit ihrer "leichtfertigen Benutzung von Nazi-Terminologie" dazu beigetragen, die Debatte in eine "völlig falsche Richtung" zu lenken.
Die Diskussion hatte zuletzt durch Aussagen der früheren "Tagesschau"-Sprecherin Herman Nahrung erhalten. Diese hatte sich in der ZDF-Talkshow von Johannes B. Kerner im Oktober lobend zur NS-Familienpolitik geäußert. Nachdem die umstrittene Ex-Moderatorin nicht bereit gewesen war, ihre in die Kritik geratenen Äußerungen zu den familiären Werten im Nationalsozialismus zurückzunehmen, hatte Kerner sie aus der Sendung ausgeschlossen. Meisner hatte erklärt, dass eine von der Gottesverehrung abgekoppelte Kultur "entartet". Die Verwendung dieses Begriffs war vor allem beim Zentralrat der Juden auf Kritik gestoßen.
Doch auch die Politik muss nach Ansicht Graumanns mehr tun, um gegen rechtes Gedankengut vorzugehen. "Wir brauchen einen Rechtsstaat, der mehr Zähne zeigen muss", so der Zentralrats-Vize. Der deutsche Staat dürfe nicht zulassen, dass die NPD über die Parteienfinanzierung mit Steuergeldern "aufgepäppelt" werde. Es könne zudem nicht sein, dass "uns von den Verwaltungsgerichten aufgezwungen" werde, dass die Rechtsextremen "auf Straßen ihre braune Propaganda" zeigen dürften.
"Wir brauchen einen Mix aus Prävention und Repression", forderte Graumann von der Politik und fügte hinzu: "Wir müssen über die Nazi-Zeit mehr aufklären und mehr informieren und den politischen Faschisten entschlossener entgegentreten."
Bei der Forsa-Umfrage wurde deutlich, dass die positive Bewertung des NS-Regimes mit steigendem Alter zunimmt: Bei den über 60-Jährigen lag sie bei 37 Prozent. Bei den 45- bis 59-Jährigen gab es mit 15 Prozent die geringste Zustimmung. Unter den Jüngeren vertritt rund jeder Fünfte die Auffassung, die Hitler-Diktatur habe auch positive Aspekte gehabt.
zu/kna