4. Jahrgang Nr. 9 / 29. September 2004 - 14. Tischri 5765

Von Hoffnungen und Enttäuschungen

Ein Aus- und Rückblick an der Schwelle des neuen jüdischen Jahres 5765 vom Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel

Zukunft 4. Jahrgang Nr. 9
Zukunft 4. Jahrgang Nr. 9

Rosch Haschana ist nicht nur das Fest der Buße, der inneren Einkehr und aufrichtigen Rückschau auf das vergangene Jahr. Rosch Haschana ist zugleich ein Fest der Hoffnung auf eine gute Zukunft. „Schana towa“ haben sich die Juden in aller Welt auch für das Jahr 5764 gewünscht. War das abgelaufene Jahr ein „gutes Jahr“? Die Bilanz ist gemischt.

Der Auftakt war beängstigend. Im Vorfeld der Grundsteinlegung für das Gemeindezentrum Jakobsplatz in München am 9. November 2003 wurden Attentatspläne einer rechtsextremen Gruppierung bekannt. Dank der gewissenhaften Arbeit der Sicherheitsbehörden konnte eine Katastrophe verhindert werden. Furcht, Unsicherheit und viele Fragen bleiben. Wer hoffte, die Juden in Deutschland könnten in absehbarer Zeit die Sicherheitsmaßnahmen an jüdischen Einrichtungen zumindest reduzieren, sieht sich getäuscht. Weiterhin ist Wachsamkeit gefordert.

Dass kein Anlass zur Entwarnung besteht, zeigte sich auch auf der OSZE-Konferenz im April in Berlin zum Thema Antisemitismus in Europa. Weniger die Ergebnisse als die Tagung selbst und die Tatsache, dass dieses Treffen auf Initiative des deutschen Außenministers stattgefunden hatte, waren ein wichtiges Signal. Gerade auch mit Blick auf den 40. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland im kommenden Jahr.

Die bei dem hochrangig besetzten Treffen erfolgte Bestandsaufnahme bestätigte: Der Antisemitismus ist in den Gesellschaften Europas mehr oder weniger stark verbreitet. Konsequente, länderübergreifende Maßnahmen zu seiner Bekämpfung sind überfällig. Wünschenswert wäre deshalb, dass den Worten und Absichtserklärungen auf der Konferenz auch Taten folgen. Erst dann ließe sich von einem wirklichen Erfolg sprechen.

Wie dringlich ein entschlossenes Vorgehen besonders mit Blick auf die Islamisten ist, zeigt die Situation in Frankreich. Fast sechshundert antisemitische Übergriffe und Vorfälle sind dort im ersten Halbjahr 2004 zu verzeichnen. So viele wie im gesamten Jahr 2003. Der israelische Aufruf an die französischen Juden, das Land zu verlassen, stieß in Frankreich auf Empörung. Die Aufforderung zur Auswanderung an die Staatsbürger eines fremden Landes mag ein diplomatischer Affront sein. Eine dezentere Reaktion hätte aber sicher nicht das notwendige Maß an weltweiter Aufmerksamkeit für dieses ernste gesellschaftliche Problem erregt.

Auch in anderen Fragen boten Entscheidungen der israelischen Regierung wiederholt Anlass zu kontroversen Diskussionen bis hin zu der einstimmig gefassten Forderung des UNO-Plenums, die israelische Sperranlage zu den Palästinensergebieten abzureißen. Aufsehen und beileibe nicht nur Zustimmung erntete zudem der Vorschlag von Ministerpräsident Ariel Scharon, die israelischen Truppen aus dem Gasastreifen abzuziehen und im Gegenzug den Siedlungsbau im Westjordanland zu verstärken. Auch unter Juden und Israelis gehen die Meinungen zu diesen Fragen weit auseinander.

Egal, welchem Lager man zuneigt und wie verschlungen die Wege zum Frieden auch sein mögen: Wesentlich ist, dass sich hoffentlich bald ein für beide Seiten gangbarer Weg zur Lösung des Konflikts auftut, der Terror endet und ein tragfähiger Friedensplan ausgehandelt wird. Dies ist denn auch – aus tiefer Sorge um Israel – der wichtigste Wunsch für das neue Jahr.

Und sonst? Grob zusammengefasst ließe sich aus jüdischer Sicht resümieren: 5764 war ein Jahr der Debatten und Auseinandersetzungen. Immer wieder wurden aufwühlende Details aus der Vergangenheit zutage gefördert. Besonders für uns Juden, aber auch für viele Nichtjuden bedeutet das schmerzhafte Erinnerungsarbeit. Ob nun die Debatte um die Beteiligung der Chemiefirma Degussaam Bau des Holocaust-Mahnmals oder die aktuell geführte Diskussion um die Ausstellung der Flick-Sammlung in Berlin - in beiden Fällen handelt es sich um notwendige Auseinandersetzungen mit der deutschen Vergangenheit. Insgesamt sind solche Debatten wichtige Seismographen und geben Auskunft über den Umgang der deutschen Öffentlichkeit mit dem Holocaust.

Für heftige – innerjüdische – Reaktionen sorgte die Auseinandersetzung zwischen liberalen Gemeinden und dem Zentralratum deren Anteil an den Zuwendungen aus dem Staatsvertrag. Der Zentralrat begrüßt nachdrücklich den mit den liberalen Gemeinden gefundenen Kompromiss. Für die Gemeinschaft der Juden in Deutschland bedeutet der von beiden Seiten bekräftigte Wille zur Zusammenarbeit einen unschätzbaren Gewinn. Allen, die durch ihre Bereitschaft zur Verständigung dazu beigetragen haben, eine Spaltung der jüdischen Gemeinschaft zu verhindern, sei auf diesem Wege gedankt.

Darauf aufbauend wünsche ich mir für das kommende Jahr, dass gegenseitiges Verständnis und der innere Zusammenhalt in den jüdischen Gemeinden weiter wachsen. In diesem Sinne: Schana towa!