7. Jahrgang Nr. 10 / 26. Oktober 2007 - 14. Cheshwan 5768

...und noch immer lernt er

Rabbiner im Portrait: Halevi Klein aus Israel betreut seit 14 Jahren die Jüdische Gemeinde Frankfurt/Main

Als Halevi Klein ein Kind war, wollte er Kinderarzt oder Musiker werden. Zum einen, war es vielleicht sein Wunsch, anderen zu helfen. Vielleicht aber wollte er, dem es selber nicht allzu gut ging als Kind, etwas Musik in den tristen und traurigen Alltag, den er gezwungenermaßen erleben musste, bringen. Denn man kann nicht sagen, dass Halevi Kleins Kindheit in Jerusalem rundum glücklich war. Er wurde am 13. Oktober 1948 geboren. Sehr arm seien seine Eltern gewesen, erinnert sich der Frankfurter Rabbi. So arm, dass man getragene Kleidung, die in Care-Paketen aus Amerika kam, passend zusammen schneidern musste und wenn die Außenseite abgeschabt war, wurden die Kleidungsstücke auf links gedreht und weiter getragen, bis die Löcher zu groß wurden. Der Rabbi erinnert sich genau an die ärmlichen Zustände damals in Mea Shearim: „Die Häuser, in denen wir lebten, waren von ungarischen Juden gespendet worden." Jede Wohnung bestand aus einem einzigen Raum. „Es gab damals auch Familien, die mit 13, 14 Personen in so einem Raum lebten", sagt der Rabbi, der sich den knappen Wohnraum und das oft wenige Essen mit vier Brüdern und zwei Schwestern teilen musste. Es habe weder Strom noch fließendes Wasser gegeben. „Es fehlte einfach an allem", sagt Klein heute. Kleins Vater ist verstorben, aber seine Mutter lebt bis heute in der Siedlung. Wenn der Rabbiner über seine Eltern spricht, hört man Stolz aus seiner Stimme. Innerhalb der Ultra-orthodoxen fühlten sie sich einer etwas moderneren Lebensweise und religiösen Strömung verpflichtet: „Schon vor 50 Jahren hatten wir ein Radio." Auch seine Bildung und sein größtes Hobby – „Lernen!" – habe er seinem Vater zu verdanken.

Schon mit 12 Jahren musste Halevi Klein sein Elternhaus verlassen, um in einer ultra-orthodoxen Siedlung in der Nähe von Tel Aviv zu leben. Hier legte er den Grundstein für seine spätere Rabbinerausbildung, die in einem intensiven Gespräch mit seinem Vater, entwickelt worden war. Klein lernt schnell. Schon mit 19 Jahren hat er sein erstes Abschlusszeugnis auf dem Weg zur Rabbinerausbildung in der Tasche. Sein Vater ist stolz, aber fordert: „Das ist schön, aber nicht genug." Also studiert Halevi Klein weiter, lernt den Beschneidungs-Ritus, studiert Musik und viele andere religiöse Fächer. Dann ist er 24, studiert die religiösen Schriften und wird rabbinischer Richter; d.h. er konzentriert sich als Richter auf gesetzliche Fragen, die auf religiöse Art entschieden werden müssen. Heute lacht er darüber: „Ich wurde in meinen 12 Jahren Studium ziemlich schlau." Danach wird Klein Rabbiner für die Hotel-Kette Hilton in Israel und kümmert sich um die Vorschriften für koscheres Essen und Leben.

Seit 14 Jahren lebe Klein mit seiner Frau, die er schon mit 20 in Tel Aviv geheiratet hat in Deutschland, genauer in Frankfurt am Main. Er hat eine Tochter, Rachel, zwei Söhne, Juda und Schlomo, die beide verheiratet sind. Beide seiner Söhne sind Rabbis geworden, genau wie seine drei Brüder, die ebenfalls Jerusalem verlassen haben. Heute leben sie in Iowa (USA), Johannesburg (Südafrika) und New York (USA). Kleins Kinder dagegen sind bislang in ihrer Heimat geblieben: Sie leben in der religiösen Umgebung Tel Avivs.

Wenn man Halevi Klein nach der Besonderheit seiner Gemeinde und nach seiner Arbeit in Frankfurt fragt, lacht der Rabbi: "Alles ist besonders. Jeder Tag, jedes Mitglied." Was klingt wie ein Gemeinplatz, mein Klein ernst. Er empfindet die Dinge, die er seit Jahren macht, immer wieder als Herausforderung. Nach seinen Hobbys gefragt, überlegt er nicht lange. "Ich lese gerne, ich lerne gerne." Dann hält er doch kurz inne: "Eben genau das, was ich immer schon mache. Was meine Arbeit ist." Im Oktober ist Halevi Klein 59 Jahre alt geworden und noch immer lernt er – genau wie sein Vater es immer wollte. Damit ist er sehr glücklich. „Ich wünsche jedem so ein gutes Leben wie meine Frau und ich es haben."

Johannes Boie