7. Jahrgang Nr. 10 / 26. Oktober 2007 - 14. Cheshwan 5768

Ad mea weesrim, bis 120 !

Zum 75. Geburtstag von Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch

Zukunft 7. Jahrgang Nr. 10
Zukunft 7. Jahrgang Nr. 10

„Wer ist die schöne Frau mit den vielen Haaren?“, mit dieser Frage wurde unlängst ein kleines Mädchen zitiert als es ein Foto von Charlotte Knobloch und ihrer „Löwenmähne“ in der Zeitung sah. Darauf eine Antwort zu geben, fällt nicht leicht. Zumal die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, die im Oktober ihren 75. Geburtstag feierte, es nicht mag, wenn viel Aufhebens um ihre Person gemacht wird. Selten spricht sie über ihre Erlebnisse während des Holocaust, kaum ein Wort zuviel verliert sie über ihre Erfahrungen als erste Frau an die Spitze der des Zentralrats der Juden in Deutschland und ihren Weg dorthin.

Charlotte wird am 29. Oktober 1932 als Kind der Eheleute Fritz und Margarethe Neuland in München geboren. Ihr Vater ist ein angesehener Anwalt und Notar. Die Mutter, vor der Heirat zum Judentum konvertiert, verlässt die Familie 1936. An der Hand ihres Vaters, der sich auf Anordnung der Nazi-Behörden inzwischen „Siegfried“ und wie alle männlichen Juden seit 1938 mit zweitem Vornamen „Israel“ nennen muss, sieht die Sechsjährige die jüdischen Einrichtungen in München brennen. Als sie neun Jahre alt ist, erklärt ihr die geliebte Großmutter, sie müsse verreisen. Doch das Mädchen hat bereits genug gesehen und verstanden. „Ich wusste, dass sie ins KZ kam“, erinnert sich Charlotte Knobloch.

Ihr Vater wird kurze Zeit später deportiert. Vorher schafft er es jedoch noch, seine Tochter auf einem Hof in Franken in Sicherheit zu bringen. Dort lebt und arbeitet „Zenzi“, ein ehemaliges Hausmädchen der Familie, wieder als Bäuerin. Sie gibt Charlotte als ihre uneheliche Tochter „Lotte Hummel“ aus. Unter Spott und Verachtung, den die katholische Dorfbevölkerung dem „Bastard“ und der „unzüchtigen“ Mutter zeigen, durchstehen beide die Zeit bis zur Befreiung.

Als junge Frau kehrt Charlotte Neuland gemeinsam mit ihrem Vater, der drei Jahre NS-Zwangsarbeit überlebt hat, nach München zurück. Er engagiert sich für die Neugründung einer jüdischen Gemeinde in der bayerischen Hauptstadt und übernimmt 1951 den Vorsitz der Israelitische Kultusgemeinde München. Im selben Jahr heiratet die inzwischen fast zwanzigjährige Charlotte ihre Liebe Samuel Knobloch, einen Überlebenden des Krakauers Ghetto. Das Paar will in die USA auswandern. Die Pläne sind konkret: Ziel soll St. Louis/Missouri im mittleren Westen sein. Doch es kam anders: Ihre drei Kinder wurden in Deutschland geboren und groß gezogen.

„Seit jenem November 1938 ist ein Teil von mir, ein Teil meiner Koffer immer noch auf der Flucht. Am Abend des heutigen Tages jedoch, des 9. November 2003, werde ich diese Koffer öffnen und damit beginnen, langsam, Stück für Stück, jedes einzelne Teil an seinen Platz zu räumen, den ich dafür die letzten 65 Jahre freigehalten habe." Klare Worte von Charlotte Knobloch zur Grundsteinlegung der neuen Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern, die unmissverständlich beschreiben, wie aus einer Vision nach Jahren und Jahrzehnten schließlich Wirklichkeit geworden ist. Seit 1985 ist Charlotte Knobloch Gemeindevorsitzende in der ehemals „brauen Hauptstadt des Führers“ und am 9. November 2006 wurden die neue Synagoge „Ohel Jakob“ und das prachtvolle jüdische Zentrum im Herzen der bayerischen Metropole feierlich eröffnet. Ein Meilenstein für das jüdische Leben in München und Deutschland, der wesentlich Knoblochs Ausharren, ihrer Geduld und ihrem Einsatz zu verdanken ist.

Am 7. Juni 2006 wurde Charlotte Knobloch in Nachfolge von Paul Spiegel sel. A. zur Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt. Zuvor hatte sie das Amt zehn Jahre stellvertretend ausgeführt. In dem Medien wurde ihre Wahl „als eine Art Notlösung“ kommentiert. Doch längst hat die Zentralrats-Präsidentin eigene Akzente ihrer Arbeit gesetzt und die Kritiker verstummen lassen.

Vor fünf Jahren, zu ihrem 70. Geburtstag stellte Charlotte Knobloch fest: „Ich bin Münchenerin, ich bin Deutsche, ich bin Bürgerin in meiner Heimat.“ Und eine ihrer selten persönlichen Bemerkungen lautete: „Ich bin sehr glücklich mit meinem Alter.“ Zu ihrem 75. Geburtstag gratulieren wir der nach wie vor Energie geladene „grande dame“ der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland von ganzem Herzen. Ad mea weesrim, bis 120 !

Gaby Hommel