4. Jahrgang Nr. 8 / 26. August 2004 - 9. Elul 5764

Shana Towa – Ein gutes neues Jahr 5765

Rabbiner Dr. Joel Berger macht sich Gedanken über Rosch Haschana und Jom Kippur 5765-2004

Der Beginn eines Neuen Jahres ist bei uns anders als bei anderen Völkern. Es gibt kein Feuerwerk und keine gefüllten Sektgläser. Bei unserem Neujahrsfest versuchen wir zunächst auf das vergangene Jahr zurückzublicken, wollen verstehen, was bei uns fehlgeschlagen ist und womit wir uns notgedrungen zufrieden geben mussten. Wir verweilen an der Schwelle zwischen den Jahren, um nachzudenken - über das, was wir gestern taten, bevor wir Morgen aufs Neue beginnen .spanstyle='mso-spacerun:yes'> Es ist gewiss leichter einen Schluss-Strich zu ziehen und zu sagen: Das Jahr, das mit dem gestrigen Tag abgeschlossen worden ist, ist endgültig vorbei, lasst uns fröhlich ein neues Jahr beginn en.opopspanfontbp

Die jüdische Tradition und unser Gewissen lassen uns aber keinen Schluss-Strich ziehen, bevor wir das vergangene Jahr verarbeitet haben. Wir tun es also in unserem eigenen Interesse. Wir wollen versuchen, den Weg unseres eitlen Tuns und fehlgeleiteten Handelns zu verlassen. Wir wollen die Umkehr versuchen, um zu unserem wahren Selbst zu finden. Diese „Umkehr“ auf Hebräisch „Teschuwa“ ist eines der wichtigsten Themen dieser Festtage. Die Gelehrten der talmudischen Zeit schätzten die Fähigkeit und Bereitschaft des Menschen, seine Taten aufrichtig bereuen zu können, sehr hoch ein.

Rabbi Jochanan, der im zweiten Jahrhundert lebte, war der Meinung, dass die „Teschuwa“ mächtig sei, weil sie bewirken könnte, dass das böse Verhängnis über das zukünftige Schicksal des Menschen abgewendet würde. Sein einstiger Schüler und späterer Freund Resch Lakisch sagte, dass die mächtige Kraft der aufrichtigen Reue sogar fähig sei eine bewusst begangene Untat in einen Verdienst umzuwandeln. In der bildhaften Sprache des Talmuds wollten diese Rabbinen das Gewicht der Umkehr und des Verzeihens hervorheben.

Den Weg zu sich selbst zu finden, manchmal gegen sich selbst anzukämpfen und sich zu den eigenen Fehlern zu bekennen, fällt nicht jedem leicht. Daher bereicherten die Weisen das Fest mit Zeichen, Symbolen und vor allem einer verbindlichen Lektüre, die den Einzelnen in die Gedankenwelt der Feste lenken. Das wichtigste und vielschichtiges Symbol von Rosch Haschana ist das Schofar, das Widderhorn. Bereits die Tora nennt das Neujahrsfest „einen Tag des Schofarblasens“. Den Tag, an dem das Schofar geblasen wurde, betrachteten die Rabbinen als den „Tag des g-ttlichen Gerichtes“, den Tag der Selbstprüfung. Dafür hatten sie sinnvolle Gründe.

Das Schofar, dieses aus dem Widderhorn angefertigte Naturinstrument, ruft zunächst eine Geschichte der jüdischen Urzeit in Erinnerung. Die Geschichte Abrahams, des ersten Juden. Mit Abraham schloss der Herr der Welt einen ewigen Bund. Der Herr versprach ihm, dass seine Nachkommen zahlreich würden und Er ihnen das Land Kanaan als Erbe schenken werde. Abraham soll in seinem Sohn Jitzchak einen Nachfolger erhalten. Dann aber sagte der Herr: Nimm deinen einzigen Sohn und bringe ihn mir als Opfer dar. Abraham wollte gehorchen, er konnte nicht ahnen, dass der Allmächtige Herr ihn nur auf die Probe stellen wollte. „…Der Sohn liegt angebunden auf dem Altar, der Vater, Abraham, erhebt die Hand mit dem Messer. Da griff der Herr ein: Tue ihm nichts an...Ich werde den Bund erfüllen; und auch du wirst ihn einhalten - ewiglich.“

Warum erzählen wir uns alle Jahre wieder diese Geschichte, die die biblische Festlektüre bildet? Nicht nur deshalb, weil Abraham anstelle des Sohnes schließlich einen Widder opferte und damit das Widderhorn ein Denkmal für seine Opferbereitschaft ist. Die Tora lehrt uns über den Jom Kippur Tag: „Eine Sabbatfeier sei er euch und ihr sollt euch kasteien…“ (3. B.M. 16:31). Dies bedeutet nach Auslegung der Gelehrten „das Fasten“, Jom Kippur, sei ein Gebot für die Ewigkeit.

Solange im Altertum das Heiligtum in Jerusalem stand, pilgerte das Volk dorthin. Sie erfuhren im G-ttesdienst „zelebriert“ durch die Kohanim, die Priesterschaft, mit Hilfe der Leviten Sühne für ihre Verfehlungen. Die Zerstörung des Tempels in Jerusalem, die Vertreibung unserer Ahnen aus ihrem Land ließen in der Diaspora andere Wege zur Sühne suchen.

So lehrten unsere Rabbiner, die die geistige Führung des Volkes übernahmen, dass dieser „höchste Schabbattag“ (der Jom Kippur) auch dann mit ganztägigem Fasten zu begehen sei, wenn das Heiligtum in Jerusalem nicht mehr bestehe. Durch diese Lehrmeinung gewährleisteten die alten Rabbinen das Fortbestehen des Judentums auch außerhalb des Heiligen Landes.

Ferner lehrten unsere Meister, dass allein das bußfertige Begehen dieses Tages die Sühne erwirken könne. Zur Begründung ihrer Aussage, stützen sie sich auf die Mischna, auf die Lehre der frühen Rabbinen. Diese meinten: Die „Teschuwa“, die aufrichtige Reue und Umkehr allein sühnt schon für geringere Vergehen, etwa für die Verletzung von Geboten oder Verboten. Für die schweren Vergehen entsühnt der Herr der Gnade am Jom Kippur. So gesehen können wir mit Recht behaupten, dass die alten Rabbinen, den Schwerpunkt des Jom Kippur Tages auf das Spirituelle und nicht das Rituelle gelegt haben.