7. Jahrgang Nr. 9 / 28. September 2007 - 16. Tischri 5768

Reise nach Lemberg

Ausstellung im Centrum Judaicum erzählt die Geschichte der einstigen jüdisch-geistigen Metropole in der Ukraine

Von Maria Levi

„Wo ist Lemberg?" Diese Frage wird sich kein Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion stellen, wohl aber Juden und Nicht-Juden aus Deutschland. Das ist ungerecht, aber leider wahr, denn das einst so bedeutende kulturelle und kommerzielle Zentrum in Mitteleuropa verschwand nach dem Holocaust quasi vollkommen aus der öffentlichen Wahrnehmung in Europa. Die Stadt an der Schwelle zwischen Ost und West war ein wichtiges Zentrum des europäischen Judentums, oft ein Ort der Zuflucht vor antisemitischer Verfolgung, aber auch des Aufbruchs aus der Enge der galizischen Schtetl. Hier konnte sich eine jüdische Kultur jenseits von Ausgrenzung und Gettoisierung entfalten – bis der Zweite Weltkrieg und der Nationalsozialismus die Geschichte dieser lebensfrohen und außergewöhnlich aktiven Stadt brutal beendete. Die rund 120 000 Lemberger Juden wurden von den Nationalsozialisten ermordet, etwa ebenso viele Polen nach 1945 aus Lemberg vertrieben, viele Ukrainer starben im Gulag oder in der Verbannung.

Dieser Stadt widmet das Centrum Judaicum in Berlin zur Zeit seine aktuelle Ausstellung. Die Kuratorin, Irene Stratenwerth, beschreibt ihre Erfahrungen bei der Vorbereitung zu der Schau: "Das muss eine ganz besondere Stadt gewesen sein, in der ein ganz besonderes Klima geherrschte. Die Dokumente zeugen davon, dass dort vor dem Zweiten Weltkrieg ein pulsierendes Leben herrschte. Dies hatte nicht nur mit dem zu tun, was sich der Westen oft so etwas klischeehaft unter Ostjudentum und Lebenswelten aus dem Stedtl vorstellt." Die Verantwortlichen machten sich dann aber vielmehr auf die Suche nach dem anderen Lemberg – einem Lemberg, dass von einer geistigen Aufbruchstimmung und einer großen künstlerischen, wissenschaftlichen und literarischen Szene geprägt war, in der sich Künstler gegenseitig in den verschiedenen Sprachen, Kulturen und Religionen befruchteten. Vielleicht lässt sich das damaligen Lemberg-Flair heute mit dem modernen Begriff einer multikulturellen Gesellschaft am besten beschreiben.

Die Ausstellungsmacher haben nicht nur dem glanzvollen Lemberg vor dem Krieg, sondern auch dem Lwow (so der russische Name) in der Sowjetzeit und dem heutigen Lwiw (die ukrainische Bezeichnung) viel Platz eingeräumt. Und genau dies ist das besonders Lobenswerte an der Ausstellung: Es werden nicht nur Archivmaterial und nostalgisch angehauchte Dokumente präsentiert, sondern es wird gleichermaßen die detaillierte Geschichte der Stadt und ihrer Menschen zwischen gestern und heute erzählt. So sind vier aus Lwow stammende Berliner in der Ausstellung präsent und ermöglichen den Besuchern gemeinsam mit ihnen die Stadt auf eine ganz persönliche Art und Weise kennen zu lernen.

Die zweite Besonderheit dieser tatsächlich ersten umfangreichen Lemberg-Ausstellung in Deutschland ist die Ausgewogenheit zwischen den informativen Elementen und den plastisch-historischen Gegenständen. Und genau das lässt die Ausstellung sehr kurzweilig und nie oberflächig wirken. Die stadtgeschichtlichen Informationen werden auf vielfältige Weise vermittelt: über Text-Tafeln, Filme und elektronische Medien.

Die Ausstellung bietet allen Besuchern etwas Neues und Überraschendes. So berichtet Ida Katz aus Kiew, die eigens für die Lemberg-Schau nach Berlin kam, beim Blick auf ein historisches Foto, dass eine schick gekleidete Operndiva zeigt, von ihren positiven Kindheitserinnerungen aus Lemberg: „Meine Mutter arbeitete als Schneiderin an der Oper in Lwow und ich durfte als ihre Tochter automatisch im Kinderchor mitsingen." Besucher Michael R. lies sich von der Ausstellung positive inspirieren: „Lemberg war für mich in der Tat ein weiser Fleck auf der Landkarte. Durch die Eindrücke in der Ausstellung habe ich mich spontan entschieden, so schnell wie möglich dorthin zu reisen, bevor die Spuren der Geschichte ganz verloren sind!" Tamara Bach will nochmals wiederkommen ins Centrum Judaicum: „Ich habe meine Kinder zur Hause gelassen, weil sie sich auf den historischen Ausstellungen normalerweise immer langweilen. Aber hier werden sie viel Interessantes zum Anfassen und zum Ansehen finden, deshalb komme ich wieder!"


Die Ausstellung "Wo ist Lemberg?" ist bis zum 2. Dezember im Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28-30, 10117 zu sehen. Informationen: 88028335 / 415 oder
www.lemberg-ausstellung.de.
Zu der Ausstellung ist außerdem der Begleitband Lemberg - Eine Reise nach Europa (Chr. Links Verlag, 19,90 €) erschienen.