4. Jahrgang Nr. 8 / 26. August 2004 - 9. Elul 5764

Ein Stück Schrecken zum Mitnehmen

Memory-Spiel, Knöpfe, ein leeres Kästchen, Tassen, T-Shirts - Kann es geschmackvolle Souvenirs für KZ-Gedenkstätten geben? Ein Projekt Weimarer Studenten ist das Wagnis eingegangen

Von Louise Brown

Am besten verkauften sich Schlüsselanhänger mit „Arbeit macht frei“-Aufschrift. T-Shirts, blau-weiß gestreift wie einst die Häftlingskleidung, verziert mit der Aufschrift „Auschwitz-Birkenau“, gingen auch nicht schlecht. Aus den USA kamen viele Anfragen nach einem Bestellkatalog: Ob man die Sachen denn auch im Internet kaufen könne? Eine erschreckende Frage, fand die polnische Künstlerin Agata Siwek, die im vergangenen Jahr mit ihrem Projekt Original Souvenirs Auschwitz-Birkenau, einem mit allerlei fiktiven „KZKitsch“ bestückten Pseudo-Andenkenkiosk, für Aufsehen gesorgt hatte.

Ein Jahr später. Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald steht an einer Mauer ein einzelner Baum im Wind. 2002 wurde das Denkmal am Kleinen Lager in der Gedenkstätte Buchenwald errichtet. Tom Hanke, Student der nahe gelegenen Weimarer
Bauhaus Universitäthat sich von dem jungen Baum inspirieren lassen. Das Ergebnis ist im Informationszentrum Buchenwaldzusehen: ein kleiner Buchensetzling, kunstvoll in Pappe eingepackt, der von Besuchern gekauft und im heimischen Garten gepflanzt werden kann. So könne der Besucher etwas mitnehmen, das seinen Erinnerungen an die Gedenkstätte greifbare Form gibt, sagt der Student.

Neben Hankes Buche liegen zahlreiche andere, fast hübsch anzusehende Objekte in dem kleinen Ausstellungsraum im Informationszentrum. Anders als bei Agata Siweks Auschwitz-Souvenirs handelt es sich nicht um eine satirische Kunstaktion. Es sind Entwürfe von Studenten der
Bauhaus-Universität, an der ein bisher einmaliger Produktdesignkursus statt gefunden hat. Ziel des Kurses, der vom Förderverein Buchenwald initiiert worden ist, war es, Souvenirs zu entwickeln, die der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora zusätzliche Finanzmittel für ihre Arbeit verschaffen sollten, ohne die Würde des Ortes zu verletzen. Gedenkstätten-Geschäftsführer Olaf Theuerkauf griff die Idee dankbar auf. Die Gedenkstätte Buchenwald habe die Erfahrung gemacht, dass bei den Besuchern tatsächlich großer Bedarf besteht, etwas mitzunehmen.

Während in gewöhnlichen Museen und Galerien die Museumsshops zu den beliebtesten Abteilungen gehören, beschränkt sich die Erinnerung nach einen KZ-Gedenkstätten-Besuch meist auf Informatives: eine Broschüre oder ein Buch. Wer aber verbindet damit das Gefühl, das einen beschlich, als man in Buchenwald auf den windigen, leeren Flächen der Steinbrüche stand? Auch wenn es wichtige Informationen enthält, bleibt es eben „nur“ ein Buch. Im
Informationszentrum Buchenwald werden hauptsächlich Bücher verkauft. Dazu kommen Ansichtskarten, auf denen die Inschrift des Lagertores „Jedem das Seine“ zu sehen ist. Im Auschwitzer Museumsshop gibt es ein Postkartenset. Auf den Rückseiten der Karten ist die Erklärung des auf der Vorderseite Abgebildeten so groß gedruckt, dass man nichts mehr darauf schreiben kann.

Andere Gedenkstätten sind da weiter gegangen. Das „
Herinnerungscentrum Kamp Westerbork“ in den Niederlanden hat schon seit zwanzig Jahren eine komplette Souvenirs-Set inklusive Logo entwickelt, dessen zentrales Element ein abstrahiertes Stück Stacheldraht ist, in dem eine Bahnschwelle und ein Andreaskreuz zu erkennen sind. Für Buchenwald, sagt Gregor Sauer, der als Dozent den Weimarer Kursus betreute, kam ein solches Logo nicht in Frage. Die Aufgabe lautete, „mobile Gedenkzeichen“ zu entwerfen. Ein Student produzierte beispielsweise eine Musik-CD, um auf die unter den Nazis vernichtete Kultur hinzuweisen. Die Kursteilnehmerin Ricarda Porzelt entwarf ein Memory-Spiel mit den Gesichtern von Häftlingen. Für eine serielle Produktion, sagt sie, sei es aber nicht gedacht. Ihre Objekte sieht sie eher als „Anti-Souvenirs“. Dazu gehört auch ein Kästchen, auf dem bedeutungsvoll „Andenken“ gestanzt ist. Innen ist es leer. Ein tatsächlich „mobiles Gedenkzeichen“ ist der Knopf als Ansteckbutton, den die Studentin Caroline Dushe entworfen hat. Man kann sich den Knopf anheften, als Postkarte verschicken oder einfach in einer Schublade vergessen.

Im Vorlauf zu den Gedenkfeiern 2005 in Buchenwald wird es eine kleine Produktserie der Entwürfe geben. Erst dann werde sich zeigen, ob und in welcher Form sich die ursprüngliche Idee auf dem Markt behaupten könne, sagt Olaf Theuerkauf. Während dessen geht außerhalb Buchenwalds der Vertrieb von KZ-Kitsch munter weiter. Im Internet beispielsweise. Wer dort auf die Seite www.
picturehistory.comgeht, findet Tassen, T-Shirts und Mousepads mit Fotos von KZ-Häftlingen. Versand binnen weniger Tage weltweit.

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 31, 5.8.2004