7. Jahrgang Nr. 9 / 28. September 2007 - 16. Tischri 5768

Warum am Laubhüttenfest gefeiert wird

Rabbiner Dr. Joel Berger über Sukkot, Schmini Atzeret und Simchat Tora

In der Mischna, im Grundtext des Talmuds heißt es: „Am Sukkotfest wird über das Wasser gerichtet." Nach diesem Fest beginnt nämlich im Heiligen Land die Regenzeit. In dem vom Regen so abhängigen Land Israel steht die Bitte um das lebensnotwendige Wasser im Mittelpunkt unserer Festgebete.

Im Altertum war der Tempel zu Jerusalem während der Sukkottage (15. bis 21. Tischri) der Schauplatz symbolträchtiger Zeremonien, wie z.B. der „Nissuch Hamajim", des Ausgießens von Wasser auf den Altar des Heiligtums. Das Wasser wurde aus der Schiloach-Quelle, in der nähe von Jerusalem geschöpft und unter dem Klang des Schofars in den Tempel gebracht. Der Sinn und die Bedeutung dieser Zeremonie ist der Wunsch und die Hoffnung, dass G-tt die Äcker Israels während der kommenden Regenzeit mit ausreichendem Niederschlag segnen möge.

Am Abend des Sukkotfestes fand im Tempel zu Jerusalem ein großes Freudenfest statt: „Simchat bet Haschoewa", das „Wasserschöpffest". Die Beschreibung dieses Festes überliefert uns die Mischna: „Eine riesige Menschenmenge versammelte sich im Tempel im Hof der Frauen. Dort standen goldene Leuchter, die entzündet wurden und jeder Hof in Jerusalem erstrahlte unter ihrem Licht. Vor ihnen tanzten und sangen mit Fackeln in den Händen die Frommen und Gelehrten, dazu spielten die Leviten auf ihren verschiedenen Musikinstrumenten."

Die Überlieferung der Mischna hat für uns heute vor allem eine kulturhistorische Bedeutung. Sie beweist uns, dass für das Judentum nicht nur die schwermütigen Feierlichkeiten der Diaspora charakteristisch sind, sondern, dass die ausgelassene Festesfreude, die erst in der Neuzeit durch den Chassidismus wiederentdeckt wurde, auch zum Wesen des Judentums gehört.

Der 8. Tag nach dem Beginn des Sukkotfestes (22. Tischri) ist ein selbständiger Festtag. Er wird „Schemini Azeret" (das Schlußfest) genannt. Der Torakommentator Raschi erläutert die Bedeutung dieses Festes so: „Es ist als würden sich die Söhne von ihrem Vater verabschieden und dieser sagt zu ihnen: Kinder, der Abschied fällt mir so schwer, verweilt doch noch einen Tag bei mir. Schemini Azeret, das Schlußfest ist ein Ausdruck der Liebe G-ttes gegenüber Israel." Nach den Worten unserer Gelehrten, verweilten die Pilger noch einen Tag, um für sich selbst zu beten, denn während der Sukkottage beteten sie für die Völker der Welt.

Bei uns in der Diaspora wird ein zusätzlicher Tag gefeiert. Dieser ist unter dem Namen „Simchat Tora" (Gesetzesfreude) bekannt geworden. Er geht auf den im babylonischen Exil entstandenen Brauch zurück, an diesem Tag den Jahreszyklus der wöchentlichen Toravorlesungen zu beenden. Am Vorabend dieses Tages beginnt man bereits mit den fröhlichen Umzügen der Torarollen in den Synagogen und es wird in der Synagoge getanzt und gesungen.

Der Schriftsteller Josef Roth beschrieb ein ausgelassenes Simchat Tora Fest, wie es einst in Galizien begangen wurde: „Ich sah, dass in dieser kleinen Stadt lauter rothaarige Juden wohnten. Einige Wochen später feierten sie das Fest der Tora, und ich sah, wie sie tanzten... Die Chassidim fassten sich bei den Händen, tanzten in der Runde lösten den Ring und klatschten in die Hände, warfen die Köpfe im Takt nach links und rechts, ergriffen die Torarollen und schwenkten sie und weinten vor Freude. Es war im Tanz eine erotische Lust. Es rührte mich tief, dass ein ganzes Volk seine Sinnenfreude seinem G-tt opferte und das Buch der strengsten Gesetze zu seiner Geliebten machte und nicht mehr trennen konnte zwischen körperlichem Verlangen und geistigem Genuss, sondern beides vereinte. Es war Brunst und Inbrunst, der Tanz ein G-ttesdienst und das Gebet ein sinnlicher Exzess.

Die Menschen tranken Met aus großen Kannen. Woher stammt die Lüge, daß Juden nicht trinken können? Es ist halb eine Bewunderung, aber auch halb ein Vorwurf, ein Mißtrauen gegen eine Rasse, der man die Stete der Besinnung vorwirft. Ich aber sah, wie Juden die Besinnung verloren, allerdings nicht nach drei Krügen Bier, sondern nach fünf Kannen schweren Mets und nicht aus Anlaß einer Siegesfeier, sondern aus Freude darüber, daß G-tt ihnen Gesetze und Wissen gegen hatte." (Joseph Roth in „Juden auf Wanderschaft")