7. Jahrgang Nr. 9 / 28. September 2007 - 16. Tischri 5768

Herzlichen Glückwunsch, Joel Berger!

Landesrabbiner a. D. feierte seinen 70. Geburtstag – aber von „Ruhestand" will er nichts wissen...

Joel Berger ist kein Mann der großen Worte. Seinen 60. und seinen 65. Geburtstag hat er im kleinen Kreis gefeiert und bereits zu seinem Abschied als Landesrabbiner von Württemberg hat er sich alle Reden und Huldigungen verbeten.

Vor 70 Jahren wurde der Bescheidene in Budapest geboren. Über Europa hängt damals der düstere Schatten des ersten Weltkrieges – die Deutschen bereiten bereits den Zweiten Weltkrieg vor, unter dem die ungarische Bevölkerung – allen voran die ungarischen Juden – schrecklich leiden wird. Wie wenige andere, überlebt der kleine Joel Berger die Zeit des Terrors im „Internationalen Ghetto" nur durch das entschiedene Einschreiten des schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg, der Dutzende Leben vor den Nazis und ihren Schergen rettete. Vor den Verletzungen der Seele konnte selbst Wallenberg Joel Berger nicht schützen. Als Kind sieht er aus dem Fenster, wie vor seinem Haus Juden erschossen werden. Bergers Vater wird nach Bergen-Belsen deportiert, wo er glücklicherweise überlebt.

Nach dem Krieg übt die nächste Großmacht Druck auf sein Geburtsland aus und der junge Berger, der zwar nicht am Ungarnaufstand beteiligt war, wird wegen eines versuchten „illegalen" Grenzübertritts verhaftet und kommt ins Gefängnis. Dennoch kann er anschließend am Rabbinerseminar in Budapest studieren. An der Uni belegt er zusätzlich die Fächer Geschichte und Pädagogik, als Abschluss erhält er die Lehrerlaubnis für Gymnasien und ein Diplom. Die Promotion aber wird ihm, dem politisch Kritischen, untersagt. Berger hält es daraufhin nicht länger im Ostblock aus. Er will sein Heimatland verlassen. 1968 klappt schließlich die Ausreise nach Deutschland – ausgerechnet in das Land der Täter. Als junger Mann, sagt Berger, habe er auch mit einer Ausreise nach Israel geliebäugelt. Heute komme das nicht mehr in Frage. Aber nach wie vor bezeichnet er Israel als sein Lieblingsland. In Deutschland hingegen wird er von der Stasi im Auftrag der Ostblock-Staaten bespitzelt. Die Berichte der Staatssicherheitsbehörde, die über ihn damals angelegt wurden, entdeckte der Rabbiner vor einiger Zeit im Internet. "Da konnte ich nachlesen, dass mich ein früherer Nachbar aus Budapest bei einem Besuch in meiner damaligen Gemeinde in Regensburg ausgehorcht hat", erzählt er heute. Seinen Besucher hatte er damals herzlich willkommen geheißen.

Die Zeit seiner Emigration sind schwierige Jahre für Berger, aber trotz allem auch eine glückliche Zeit: Zwei Jahre nach der Emigration heiratet er seine Frau Noemi. Sie ist bis heute an seiner Seite, beantwortet seine Post und hält ihm den Rücken frei. Das ist eine wichtige Aufgabe, denn im Westen arbeitet Berger als Rabbiner und macht sich schnell einen Namen durch sein hohes wissenschaftliches Niveau. Nach Stationen in Düsseldorf, Göteborg (Schweden), Bremen und Stuttgart beruft man ihn als Dozent an die Universität in Tübingen.

Heute hat er neben zahlreichen Ehrenämtern längst auch den Ehrendoktor der Uni Tübingen verliehen bekommen und ist außerdem Mitglied im Schiedsgericht des Zentralrats der Juden in Deutschland. Als Mitglied des Rundfunkrates von Radio Bremen und SWR hatte er bis 2003 eine weitere wichtige, öffentliche Position wahrgenommen. Obwohl er als Landesrabbiner der Israelischen Religionsgemeinde Württembergs 2002 aus dem Dienst geschieden ist, hat Berger längst nicht zu arbeiten aufgehört. Seiner beeindruckenden Publikationsliste fügt er unaufhörlich weitere Werke hinzu. Dabei bewegt er sich stets am Puls der Zeit: Seine letzten Veröffentlichungen beschäftigten sich mit Ethikfragen im Bereich der Biotechnik und der Geschichte des Vorurteils. Für seine herausragende Arbeit erhielt Berger 2001 von Ministerpräsident Erwin Teufel die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg. Nicht zuletzt auch deshalb, weil er Generationen von Schülern die Grausamkeiten des Holocausts als Zeitzeuge nahe bringen konnte. Man freut sich für Joel Berger, dass er wenigstens seinen 70. Geburtstag etwas größer feierte: am Ort seines heutigen Wirkens, im Haus der Geschichte in Stuttgart. „Denn dieses Mal konnte ich zu einer offiziellen Feier nicht ‚Nein' sagen", sagt er und lacht.

Johannes Boie