7. Jahrgang Nr. 9 / 28. September 2007 - 16. Tischri 5768

Polizei ignorierte Neonazi-Schießübungen

Mitten in einem Wald in Sachsen-Anhalt sollen Nazis Wehrübungen abgehalten haben – und die Polizei wusste davon

Die SS-Runen und Hakenkreuze sind nicht zu übersehen. Mitten in einem Wald am Rand der Stadt Wittenberg in Sachsen-Anhalt packt einen der Nazi-Grusel. Die Wände früherer Bunker sind beschmiert, ein größerer schwarzer Fleck auf einem Betonboden kündet von Lagerfeuern. Die rechtsextreme Szene scheint sich hier wohl zu fühlen. Und es gibt den Verdacht, dass Neonazis zwischen den ehemaligen Munitionsbunkern Wehrsport treiben – mit Schießübungen. Als Beamte der Polizeidirektion Dessau im April im Gelände unterwegs waren, kam ein Spaziergänger mit brisanten Informationen auf sie zu. Personen, die von ihrer äußeren Erscheinung der rechtsextremen Szene zuzuordnen seien, hätten öfter in dem Waldstück geschossen, sagte der Mann einem Polizeihauptkommissar. Doch nachgegangen wurde dem Verdacht offenkundig nicht.

So scheint sich die seit Monaten wuchernde Dessauer Polizeiaffäre um mehrfaches Fehlverhalten von Beamten bei der Bekämpfung rechter Kriminalität noch auszuweiten. Ein Sprecher der Direktion erklärte, "es ist nicht bekannt, dass ein Spaziergänger Schießübungen gemeldet hat". Die Staatsanwaltschaft Dessau hingegen teilt auf Anfrage mit, nach ihren Informationen gebe es bei der Polizei einen Vermerk mit dem Hinweis des Spaziergängers. Doch habe die Direktion der Staatsanwaltschaft nichts zugeleitet, also existiere auch kein Ermittlungsverfahren. Demnach wurde der Vermerk mit dem Hinweis bei der Polizei begraben. Aktenkundig war auch, dass dort durch einen Polizeieinsatz im April 2005 eine Feier zum Geburtstag von Adolf Hitler verhindert wurde. Warum die Polizei den Hinweis auf die Schießübungen ad acta legte, bleibt unklar.

Kurz vor Redaktionsschluss bestätigte die Polizei, dass sie in dem Waldstück leere Dosen für "Diabolos", also Munition für Luftdruckwaffen, entdeckt hat.
fj