7. Jahrgang Nr. 9 / 28. September 2007 - 16. Tischri 5768

„Möge es ein Jahr des Friedens werden!"

Zu Beginn des neuen Jahres wirft Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch einen Blick zurück auf die weltweiten Brandherde und politischen Dauerkonflikte, gleichzeitig setzt sie viel Hoffnung auf ein friedliches 5768

Zukunft 7. Jahrgang Nr. 9
Zukunft 7. Jahrgang Nr. 9

Wer aus Anlass des Neujahrsfests zurückblickt, wird sich erinnern, dass das vergangene Jahr unter dem Eindruck der „Idee Europa" stand. Mit dem Rahmenbeschluss gegen Rassismus und Fremdenhass ist es den europäischen Justizministern gelungen, menschenverachtende Hetze auf dem ganzen Kontinent unter Strafe zu stellen. Und dennoch: Europa als Garant für ein friedliches Zusammenleben der Menschen? Noch nicht. Denn die deutsche EU-Ratspräsidentschaft wurde auch von hässlichen Vorfällen überschattet:

Im Europaparlament – Symbol für Völkerverständigung und Überwindung des Nationalismus – bildete sich erstmals eine länderübergreifende rechtsextremistische Fraktion.

Der polnische Rechtsnationalist Maciej Giertych hat sich an dieser grotesken Fraktionsbildung zwar nicht beteiligt, kocht aber sein eigenes braunes Süppchen: Mit einer antisemitischen Propagandaschrift agitierte er im EU-Parlament gegen die jüdische Gemeinschaft und zeigte damit einmal mehr, wie leicht demokratische Institutionen ausgehöhlt und zweckentfremdet werden können.

Bis nach Teheran reicht die Geltung des neuen EU-Rahmenbeschlusses leider nicht. Dort inszenierte der iranische Despot ungehindert eine pseudowissenschaftliche Versammlung, auf der Holocaust-Leugner und Islamisten ihre aggressiven Thesen öffentlich vertraten. Für uns war dieses Ereignis schmerzhaft und beängstigend. Die internationale Gemeinschaft ist jetzt in der Pflicht, Verantwortung für Freiheit und Menschenwürde nicht länger gegen Wirtschaftsinteressen einzutauschen.

Ökonomische Interessen hegt auch die NPD. Immerhin über eine Million Euro hat sie im letzten Jahr aus der staatlichen Parteienfinanzierung kassiert. Und das, obwohl an anderer Stelle die Gelder für effektive Projekte gegen Rechtsextremismus knapp sind. Währenddessen weiß die NPD ihre Mittel manipulativ zu nutzen: Mit Jugendclubs und Hausaufgabenhilfe tarnen sich die Brandstifter als Biedermänner. Wäre es nicht endlich an der Zeit, dem schlecht kaschierten Antisemitismus dieser Partei ein Ende zu machen? Wir sollten in den Erhalt von Gedenkstätten – in Frieden – investieren, anstatt tatenlos zuzusehen, wie die NPD mit staatlichen Geldern salonfähig wird. Bislang haben die Recherchearbeiten des Verfassungsschutzes ein Verbot der NPD unmöglich gemacht. Doch brauchen wir tatsächlich verdeckte Ermittler, um nachweisen zu können, dass diese Partei verfassungsfeindlich ist? Sicher nicht. Der Vorfall im sächsischen Mügeln hat die Dringlichkeit eines Maßnahmenkatalogs gegen Fremdenfeindlichkeit auf tragische Weise deutlich gemacht.

Kontraproduktiv im Kampf gegen Rassismus ist ohne Zweifel die Wiedereinführung der lateinischen Tridentinischen Messe in den katholischen Ritus. Es ist der Geist des kirchlichen Antijudaismus, der diese Messe durchweht – der Versuch, das jüdische Erbe des Christentums abzuspalten. Ein Europa aber, das seine Identität aus der Pluralität seiner Bürger schöpfen will, darf den Beitrag des Judentums zu den geistigen Errungenschaften unseres Kontinents nicht marginalisieren. Wird dieser Gedanke berücksichtigt, kann die jüdische Gemeinschaft auch in Deutschland weiter wachsen.

Aktuell freuen wir uns über das wiedererwachte jüdische Leben: Würzburg, München und Gelsenkirchen haben im vergangenen Jahr neue Gemeindezentren errichtet und bieten ihren Zuwanderern aus der GUS eine neue Heimat. Niemand wird ernsthaft behaupten, dass dieser Prozess reibungslos verlaufen kann. Respekt vor den Lebensgeschichten der Neumitglieder ist dazu ebenso erforderlich wie deren Bereitschaft, sich auf das Selbstverständnis der Alteingesessenen einzulassen. Wenn uns das gelingt, wird die Gesellschaft – auch über den Tellerrand unserer Gemeinden hinaus – vom Potential und den interkulturellen Kompetenzen der Neuzuwanderer profitieren.

Lassen Sie uns also zuversichtlich ins neue Jahr schreiten. Und dabei auch an unsere Familien und Freunde in Eretz Israel denken. Denn das Heer seiner Feinde, die einen unkalkulierbaren Guerillakrieg gegen das kleine Land im Nahen Osten führen, ist größer geworden. Israel braucht unsere Solidarität deshalb auch im kommenden Jahr.

Uns allen wünsche ich jetzt Schana Towa, ein gutes 5768! Möge es ein Jahr des Friedens werden für Eretz Israel und mögen unsere Wünsche sowie Hoffnungen in Erfüllung gehen. In Israel und in Europa.