4. Jahrgang Nr. 8 / 26. August 2004 - 9. Elul 5764

Jüdische Menschen mit Behinderung

ZWST organisierte erstmalig eine Fachtagung – Großes Interesse von Mitarbeitern der Jüdischen Gemeinden und Betroffenen – Konzepte zur besseren Integration wurden auf den Weg gebracht

Von Heike von Bassewitz

Wie gestaltet sich die Lebenssituation jüdischer Menschen mit Behinderung? Inwiefern sind sie integriert in die heutige Gesellschaft und jüdische Gemeinschaft, wie viele jüdische Menschen mit Behinderung leben unter uns? Antworten auf diese Fragen suchten die rund 70 haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern und Betroffenen der jüdischen Gemeinden Deutschlands, die im Juni an der Tagung der ZWST in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt/M. teilgenommen haben.

In seiner Begrüßung betonte ZWST-Direktor Beni Bloch den besonderen Charakter der Tagung und richtete sein Lob an das persönliche Engagement der Sozialarbeiter in den jüdischen Gemeinden und appellierte gleichzeitig an die Einrichtung behindertengerechter Strukturen. Der direkte Kontakt mit den behinderten Menschen und ihren Familien sei existentiell, um die spezifischen Bedürfnisse zu kennen und entsprechend handeln zu können. Man schätze die Anzahl behinderter Menschen in den jüdischen Gemeinden auf rund tausend. Rabbiner Marc Stern aus der jüdischen Gemeinde Osnabrück skizzierte seine eigenen Erfahrungen als Rollstuhlfahrer. Er kritisierte, die jüdischen Menschen mit Behinderung würden sich zu sehr zurückziehen und ghettoisieren, die Gemeinde sei aber für jeden da. „Wir müssen uns zunächst selbst erziehen, um den Bedürfnissen der Behinderten entgegenzukommen.“ In seiner Rede setzte sich Rabbiner Stern mit Behinderung aus jüdisch-religiöser Sicht auseinander und stellte sich abschließend den Diskussionsthemen des Publikums: Übertritt von nicht-jüdischen behinderten Menschen, Mischehen mit behinderten Kindern, Schwangerschaftsabbruch, Vergleich mit der Situation in Israel.

Der zweite Tagungstag gab den Teilnehmern die Möglichkeit, im Rahmen von Workshops selbstständig zu arbeiten und konkrete Konzepte zu erarbeiten. Zunächst tastete man sich an folgenden Fragen heran: Wo und wie viele jüdische Menschen mit Behinderung leben in meiner Gemeinde? Wie komme ich an sie heran? Wann muss die Initialzündung von den Angehörigen ausgehen, wo sind die jüdischen Institutionen gefragt? Was sind die spezifischen Konflikte und Problemfelder von Angehörigen von jüdischen Menschen mit Behinderung? Was müssen die jüdischen Gemeinden leisten? Ein breites Bündel von möglichen Aktivitäten und Maßnahmen wurde zusammengetragen: Machanot für behinderte Kinder und Jugendliche in Bad Sobernheim, Reisen nach Israel, Schaffung eines ständigen Angebotes oder einer Anlaufstelle in den Gemeinden, Schulung und Weiterbildung der Sozialarbeiter, Gründung von Netzwerken, wichtig vor allem für kleine Gemeinden, Nutzung des Internets. Auch die Integration von behinderten Menschen in bestehende Einrichtungen und Aktivitäten in den jüdischen Gemeinden wurde diskutiert. Es wurde mehrfach angesprochen, dass es zu einem großen Teil auch um psychisch kranke Menschen ginge, oft auch als Folge der Migration aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Allgemein wurde der Bedarf einer muttersprachigen Anlaufstelle betont, da sonst die Gefahr bestünde, dass jüdische Migranten mit Behinderung und ihre Angehörigen zurückgezogen blieben.

Zentral ist die wechselseitige Zusammenarbeit zwischen den Angehörigen und den jüdischen Institutionen. Die ZWST kann hier als Mittler und Multiplikator aktiv werden. Diese von der Aktion Mensch geförderte Tagung ist der Anfang weiterer geplanter Aktivitäten. Ein erster Erfolg liegt bereits vor: die Gründung einer „Angehörigeninitiative für jüdische Menschen mit Behinderung“. Betroffene und Interessierte, die sich dieser Initiative anschließen wollen, können sich bei der ZWSt melden. Telefon: 069/94437131

Die Autorin ist bei der ZWST für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig