7. Jahrgang Nr. 8 / 31. August 2007 - 17. Elul 5767

"Saal der tausend Lichter" wurde renoviert

Wiedereröffnung der Synagoge Rykestraße im Rahmen der Jüdischen Kulturtage Berlin

„Ein Saal für tausend Männer, tausend Frauen und tausend Lichter" wurde die Synagoge in Berlin-Prenzlauer Berg genannt, als sie 1904 eingeweiht wurde. Und bis heute ist das versteckte Gotteshaus ein funkelndes Juwel: Von der Rykestraße aus nur zu erahnen, ist die Synagoge im Hinterhof aufwändig – mit Hilfe von Lottomitteln - renoviert worden. Am 31. August wird sie mit einem großen Fest im Rahmen der Jüdischen Kulturtage Berlin wieder eröffnet. Berlin bekommt damit endlich seine einzige Synagoge im Ostteil der Stadt zurück, die Pogromnacht, zweiten Weltkrieg, Holocaust und schließlich jahrzehntelange sozialistische Mangelwirtschaft, V erwahrlosung und Ignoranz überstanden hat.

Die Aufgabe der Berliner Architekten Ruth Golan und Kay Zareh, die mit der Renovierung betreut waren, glich einer Detektivarbeit. Eine Einweihungsschrift war das einzige Puzzleteil, das Auskunft über die originale Gestaltung der Synagoge gab. Golan und Zareh waren sich ihrer gestalterischen Verantwortung bewusst, ohne vor Erfrucht zu erstarren und unkreativ zu werden: Die Synagoge ist ein wertvoller Kulturschatz in Berlin, weil ihr Bestand wie keine zweite jüdische Einrichtungen in Berlin in dieser Qualität erhalten blieb, dennoch haben die Gestalter diesen in seiner Mystik in Berlin einmaligen Sakralraum modern interpretiert. Der Architekt Johann Hoeniger entwarf die Syngaoge einst in einem Stilgemisch aus Neo-Romantik und der Grundform einer Basilika. Die Trennung von Gebetssaal und Bima durch einen großen Triumphbogen nahm zugleich Bezug auf andere Berliner Synagogen und protestantische Kirchen ihrer Zeit.

Die Innenräume schmückte Hoeniger - wegen des jüdischen Verzichts auf bildnerische Darstellung – mit floralen Elementen. In enger Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt haben Golan und Zareh die Dekors vorsichtig wieder hergestellt. Die Architekten haben dort gesichert und treu restauriert, wo es möglich war - und selbstbewusst interpretiert, wo es nötig war. „Weder verbissen noch dogmatisch" hätten sie agiert, so Golan: „Wo wir etwas ergänzen mussten, sollte niemand durch „Stilechtheit" getäuscht werden". Vor hundert Jahren war die Auffassung nicht anders: Die Beleuchtung der liberalen Synagoge mit „1000 elektrischen Flammen" war damals ebenso modern wie die Orgel der Firma Sauer. Die restaurierten Kronleuchter machen nun „die Pracht der Beleuchtung bei Kunstlicht wieder erlebbar", so Golan.

Die bis zu 1200 Besucher schreiten heute wie damals vom Vestibül durch drei breite Türen in den Saal, in den über das hohe Mittelschiff Tageslicht gelangt. Die Holzbalkendecken und Sandsteinpfeiler wurden ebenso liebevoll repariert wie die Marmorböden. „Wie eine Zwiebel" haben die Architekten einige Wände „geschält", um die richtigen Farbschichten für den Toraschrein oder die Rabbinerempore zu entdecken. Die Architekten mussten die ehemalige Frauenempore ebenso wiederherstellen wie das Gestühl im ursprünglich nur für Männer vorgesehenen Hauptgeschoss. Auch Rabbinerzimmer und Kantorenraum wurden einfühlsam saniert. Der Kidduschraum, in dem nach dem Gebet am Freitagabend oder Samstag früh die Gemeinde zusammen sitz und isst, bekam eine neue Küche. Für die Benutzung des Großen Gebetsraumes bei hohen Feiertagen, Bar und Bat Mizwahs oder Hochzeiten kann der Kidduschraum erweitert werden. Für Rollstuhlfahrer wurde ein Aufzug eingebaut.

Die räumliche Stimmung der Synagoge wäre nichts ohne ihre ornamentierten Bleifenster. Ruth Golan hat teils neue Bilder geschaffen, in dem sie den Brief von Bar Kochwa, der in den Höhlen von Qumran gefunden worden war, aufdrucken ließ. Bei einigen Fenstern wurde das historische Foto des Originalbauzustands 400-fach vergrößert und auf das Glas gebracht. Die abstrakte Malerei der Fenster thematisiert den Übergang vom Himmel zur Erde. Schrift in hebräischer und deutscher Sprache taucht auf allen Fenstern des Erdgeschosses auf. Die mit dem Ersten Kapitel aus Bereshit bedruckten Fenster sind aus einer handgeschriebenen Bibel übernommen. Die Farben der Gläser werden zur Bimah hin durchsichtiger wie Stoff, der sich langsam hebt und zum „Aron Hakodesh" hin verdichtet.

Die renovierte Synagoge in der Rykestraße, mitten in Berlins beliebtesten Wohnviertel, ist ein attraktives religiöses Zentrum für die jüdische Gemeinde in Berlin.

Ulf Meyer