7. Jahrgang Nr. 8 / 31. August 2007 - 17. Elul 5767

Von Milde und Versöhnung

Gedanken von Rabbiner Dr. Joel Berger zum neuen Jahr und zu Jom Kippur am 10. Tischri 5768

Die Tora lehrt uns über Jom Kippur (3.B.M. 16:31), das wir am 22. September feiern: „ Darum soll es euch ein höchster Schabbattag sein und ihr sollt fasten. Jom Kippur ist ein Gebot für die Ewigkeit."

Solange im Altertum noch das Heiligtum in Jerusalem stand, pilgerte das Volk - Männer und Frauen - hinauf. Sie erfuhren im G-ttesdienst, durchgeführt von den Kohanim, der Priesterschaft und den Leviten, Sühne für ihre Verfehlungen. Man kann sagen, dass der Prozess der Sühne Israels im Altertum instrumentalisiert und institutionalisiert war. Lediglich im Tempel und nur durch die G-ttesdienste der Kohanim konnte man sühnen. Die Zerstörung des Tempels in Jerusalem und die Vertreibung der Israeliten aus ihrem Land hoben die instrumentalisierte Versöhnung mit „G-tt und seiner Welt" auf.

Die Institution der tempelgebundenen Priesterschaft, die Kohanim, wie auch ihre Helfer, die Leviten, mussten von ihren heiligen Dienststätten weichen. Die Laien, also die Rabbinen oder Gesetzeslehrer, nahmen fortan das „Heft" in die Hand. Dazu trug vornehmlich das von den Rabbinen intensiv und „flächendeckend", d.h. in jeder Siedlung konsequent betriebene Studium der Heiligen Schrift bei. Wie und was sie als erforschte Intention der Schrift lehrten, wirkt noch heute nach.

Im Mittelalter interpretierte der italienische Arzt und rabbinische Gelehrte Rabbi Obadja Sforno, dass in der Tora über Jom Kippur steht, dass dieser „höchste Schabbattag" auch dann mit ganztägigem Fasten zu begehen sei, wenn das Heiligtum in Jerusalem – also der Tempel - mit seinen Priestern und seinem Opferkult nicht mehr bestehen sollte. Durch diese Lehrmeinung leisteten die alten Rabbinen einen wichtigen Dienst für das Fortbestehen des Judentums auch außerhalb des Heiligen Landes. Die späteren Rabbiner waren alle Laien ohne jegliche priesterliche Funktionen. Eine lange Zeit übten sie neben ihrer Lehrtätigkeit vornehmlich bürgerliche Berufe aus. So sind uns aus dem Talmud Rabbinen bekannt, die Schuhmacher oder Schmiede waren.

Der gelehrte italienische Arzt führte seine Auslegungen noch aufgrund eines weiteren Toraverses fort: (16: 34) „…. dies gelte euch für die Ewigkeit, dass er

(der Jom Kippur) den Kindern Israels ... einmal im Jahr Sühne erwirke." D.h., dass allein das aufrechte Begehen dieses Tages die Sühne bewirken kann - ohne Tempelopfer und ohne Priesterdienst. Zur Begründung seiner Aussage sich beruft Sforno auf die Mischna, auf die Lehre der frühen Rabbinen: (Joma 8:8) Die „Teschuwa", die Reue und aufrichtige Umkehr sühnen schon geringere Vergehen, etwa die Verletzung von Geboten oder Verboten ritueller Art. Die schweren ethischen Vergehen verzeiht der Herr der Gnade am Jom Kippur.

So gesehen können wir mit Recht behaupten, dass die alten Rabbinen, das Gewicht des Jom Kippurs auf das Spirituelle und nicht auf das Rituelle gesetzt haben.

Aus der Sicht der Mischna gewinnen die g-ttliche Gnade und die spirituelle Kraft der Buße und Umkehr am Jom Kippur an Gewicht und Bedeutung: Die Verfehlungen und das Vergehen des Menschen seinem G-tt gegenüber verzeiht der Herr am Jom Kippur durch Fasten und Reue. Das Vergehen oder Freveltaten gegen Mitmenschen kann der Jom Kippur nicht vergeben. Dies muss man selber mit den Betroffenen ins Reine bringen."

Am Jom Kippur soll uns nicht strenge Unnachgiebigkeit, sondern die Milde der Versöhnung leiten. Unsere Hoffnung ist, dass der Herr der Welt Sein Erbarmen über uns ausbreiten möge…