4. Jahrgang Nr. 8 / 26. August 2004 - 9. Elul 5764

Gemeinde ist ein “zweites Zuhause”

In Frankfurt an der Oder gibt es seit 1998 wieder eine jüdische Gemeinde – Irina Leytus beschreibt das Gemeindeleben ganz in Osten der Bundesrepublik

Seit 1998 gibt es wieder eine jüdische Gemeinde in Frankfurt an der Oder. Inzwischen hat sie bereits 200 Mitglieder von jung - „wir haben hier schon sechs Kinder bekommen!“, scherzt der Zweite Vorsitzende der Gemeinde Josif Weisblatt - bis alt. Ältestes Mitglied ist Moiseevna Polevaja, die in diesem Monat ihren 96. Geburtstag gefeiert hat. „Wenn wir ein zweites Zuhause für unsere Mitglieder sind, so gehört auch eine wahre „jiddische Mame“ dazu!“, so Weisblatt über seine Jubilarin. Klara Moissevna, die gemeinsam mit ihrem jüngsten, inzwischen 57-jährigem Sohn Jakov aus Kiev nach Brandenburg gekommen ist, fühlt sich in Frankfurt/Oder und in der Gemeinde sehr wohl. Jede Woche kommen beide in die Synagoge, um Schabbat zu feiern. Der Gottesdienst findet in dem großzügigen hellen Saal im zweiten Stock einer 1830 erbauten Villa in der Straße Halbe Stadt. Die kostbare Bestuhlung stammt aus einer alten Leipziger Synagoge.

Ende 2001 wurde das schöne geräumige Gebäude der nach der Wende schnell wachsenden jüdischen Gemeinde von der Stadt übergeben. 1933 lebten 586 Juden in Frankfurt/Oder. Alle Mitglieder, die beiden großen Synagogen und zahlreiche Gebetshäuser wurden damals von den Nazis „liquidiert“. Der große jüdische Friedhof - angelegt im Jahre 1399 - befand sich östlich des Flusses und fiel nach dem Krieg an Polen. Die damaligen polnischen Machthaber hatten allerdings keinen Respekt vor dem jüdischen Friedhof und widmeten das Gelände, das zum Teil von englischen Bomben getroffen worden war, um: teilweise wurden die Grabsteine beseitigt, außerdem wurden eine Raststätte und ein Parkplatz gebaut. Zum Glück konnte die Stadtverwaltung von Slubice – so heißt die polnische Stadt auf der anderen Oderseite von Frankfurt – den 600-jährigen jüdischen Friedhof jedoch nicht voll und ganz „verwerten“. Erst 1985 wurde das Gelände unter Denkmalschutz gestellt und seit 1989 genießt es den Schutz als eine religiöse Institution. Übrigens ist die erste überlieferte Erwähnung jüdischen Lebens an der Oder fast 100 Jahre älter als der Friedhof in Slubice: Aus dem Jahre 1294 stammt ein Dokument, das die Stadt in „Marktsegmente“ unter zehn (!) Schochets (jüdische rituelle Schlachter) aufteilt.

Zurück über die Grenzbrücke, nach Frankfurt zu der dortigen heutigen sehr aktiven Gemeinde. Obwohl alle Gemeindemitglieder aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion stammen, gibt es unter ihnen einen, der gleichermaßen gut Hebräisch und Jiddisch spricht: Es ist der Erste Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Iakov Molchadski. Als zweijähriges Kind ist er mit seinen Eltern aus dem weißrussischen Baranovichi nach Birobidzan gezogen. In der Hauptstadt der berühmt-berüchtigten jüdischen autonomen Republik im fernen Osten des Landes verbrachte er die ersten 45 Jahre seines Lebens. Beide jüdischen Sprachen hat er in Russland studiert: Jiddisch am Gorkij-Literaturinstitut, Hebräisch am Institut Asiens und des Orients. Später wurde er selbst Lehrender: Stellvertretender Rektor des pädagogischen Instituts in Birobidzan, zuständig für die „nationale Erziehung“.

In Frankfurt an der Oder bringt er den Gemeindemitgliedern nicht nur Sprachen und jüdische Tradition, sondern auch das Schachspiel bei. Um das Religiöse kümmern sich Religionslehrer Ariel Lotozki von der ZWSt und der Religionskoordinator der Gemeinde, Boris Tovin. In Frankfurt an der Oder wird an eine große religiöse Tradition angeknüpft: Im Gemeindemuseum wird ein Buch aus dem Jahre 1746 aufbewahrt: Dieser dritte von fünf Teilen des von hiesigen Rabbinern herausgegebenen klassischen Kommentars zur Thora wurde der Gemeinde vom Berliner Rabbiner Joshua Spinner vor zwei Jahren übergeben.