7. Jahrgang Nr. 7 / 27. Juli 2007 - 12. Av 5767

„Das Judentum war mir sympathisch"

Rabbiner im Portrait: Die Berliner Rabbinerin Gesa Ederberg schreckt vor großen Veränderungen nicht zurück

Sie lacht viel und ihre Stimme klingt hell. Gesa Ederberg ist ein Mensch, der eigentlich immer zufrieden ist. Vielleicht liegt es an dem, was sie in ihrem bisherigen Leben alles erreicht hat: Als Tochter von „mehr oder weniger christlichen" Eltern 1969 im ebenso beschaulichen wie akademischen Tübingen geboren hat sie zunächst evangelische Theologie und Physik studiert. „Schon damals habe ich mich mit dem Judentum befasst", erinnert sich die resolute Frau. Sympathisch sei ihr die Religion gewesen, aber nur auf einer professionellen Ebene. Und doch war ihr Studium – im Rückblick betrachtet – nur einer von mehreren Lebensabschnitten auf dem Weg zur Konversion – und schließlich zum Rabbinat. Schon mit 13 Jahren ist Ederberg nach Israel geflogen, zusammen mit ihrem Vater, der Geschäftsführer eines Bildungswerkes war. „Das war wohl eine Art Startpunkt", so Gesa Ederberg heute. Ohne es bewusst zu verstehen, hat sie dieses kleine Land damals tief beeindruckt. So begann sie bereits als Teenager damit, sich mit hebräischen Schriftzeichen auseinanderzusetzen.

Während ihres Studiums in New York, Bochum, Berlin und Tübingen kommt sie dem Judentum immer näher, macht ihren Abschluss in evangelischer Theologie und studiert schließlich Judaistik in New York. 1992 mit 24 Jahren konvertiert sie zum Judentum. „Es gibt fast keine ‚logischen' Gründe, zu konvertieren", sagt sie. Und nach einer kurzen Pause fügt die einzige Berliner Rabbinerin hinzu: „Ich konnte es nicht verhindern." Das klingt seltsam, aber im Kontext des Prozesses, den sie bis dahin durchgemacht hat, durchaus schlüssig. Von ihrem heutigen Beruf als Rabbinerin ist sie bei ihrer Konversion allerdings noch weit entfernt.

Doch verdrängt immer mehr Arbeit in den Gemeinden ihre eigentliche Beschäftigung: die Promotion. Doch dann packt sie der Ehrgeiz: „Entweder Du machst es richtig, oder gar nicht." Das war der Startschuss. Was dann kam, lässt sich anschaulich zusammenfassen: Ihre erste Station als Rabbinerin ist in Weiden in der Oberpfalz, parallel dazu übernimmt sie die Geschäftsführung von Masorti e.V. in Berlin. Masorti ist jene Strömung zwischen Reform und Orthodoxie, einerseits für Neues im Judentum offen ist, andererseits aber Traditionen sehr ernst nimmt. „Alle Veränderungen beruhen auf der Halacha", erklärt die Rabbinerin.

Heute lebt die 38-jährige mit Ehemann Nils und den gemeinsamen sechsjährigen Zwillingen in Berlin. Ihr Lebensweg von der christlichen Tochter aus dem süddeutschen Bilddungsbürgertum zur Rabbiner interessiert bis heute viele. „Doch für mich ist das Schnee von gestern", stellt sie klar. Vor zweieinhalb Jahren hat sie einen Kindergarten eröffnet. Hebräisch, Deutsch und Englisch wird dort gesprochen, die Erzieher sind Muttersprachler. Der Andrang ist so groß, dass Ederberg Wartelisten einrichten musste.

Seit 1. Februar 2007 hat sie einen Vertrag mit der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und amtiert als Rabbinerin in der Synagoge an der Oranienburger Straße. „Obwohl ich noch in der Einarbeitungsphase bin, kann ich schon jetzt sagen, dass vor allem meine Jugend- und Familienarbeit sowie der Kindergottesdienst am Schabbat sehr großen Anklang finden", berichtet die Rabbinerin stolz. Und nach den wichtigsten Zielen für ihre Gemeinde gefragt, hat die resolute Geistliche sofort eine klare Antwort: „Ich wünsche mir, dass die Leute das Judentum richtig verstehen und als für ihr Leben relevant erleben."

Johannes Boie