7. Jahrgang Nr. 7 / 27. Juli 2007 - 12. Av 5767

Kleine Gemeinde hat große Pläne

Historisches Gemeindezentrum und alte Synagoge in Göttingen werden für die 200 Mitglieder rekonstruiert

Die jüdische Gemeinde in der niedersächsischen Stadt Göttingen unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht wesentlich von anderen Gemeinden in Deutschland: Mit dem Zustrom jüdischer Kontingentflüchtlinge aus den ehemaligen Sowjetunion etablierte sie sich im Jahre 1994 als liberale Gemeinde und zählt heute 200 Mitglieder. Etwa neunzig Prozent der Mitglieder sind Zuwanderer, die hauptsächlich von staatlicher Unterstützung leben. Der Vorsitzende der Gemeinde Harald Jüttner über seine wichtige Aufgabe: „ Für uns besteht kein Unterschied in der Betreuung der 200 jüdischen Menschen und ihrer nicht-jüdischen Familienangehörigen. Das sind noch mal etwa 100.“

Zu dem vitalen Gemeindeleben gehören die wöchentlichen Gottesdienste, Religions- und Sprachkurse, soziale Beratung und Pflege des Friedhofs. Im Augenblick werfen Vorstand und Mitarbeiter allerdings ihr Hauptaugenmerk auf die Realisierung des neuen Gemeindezentrums, das viel Zeit und Mühe kostet. Die kleine Gemeinde hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Nicht nur ein historisches Gebäude in der Altstadt soll rekonstruiert, sondern im Hof des Hauses soll auch eine historische Synagoge wieder aufgebaut werden. Das Synagogengebäude ist fast 200 Jahre alt und stammt aus dem etwa 50 Kilometer von Göttingen entfernten Dorf Bodenfelde. Das Gebäude konnte nur gerettet werden, weil ein Dorfbauer das Gebäude nach der Vertreibung der Juden im Zweiten Weltkrieg kaufte. Der Enkel jenes Landwirts war der letzte Besitzer. Er nutzte die in einer Hofecke stehende Synagoge zuletzt als Stall und Schuppen. Nun soll die Synagoge abgerissen und in Göttingen wieder aufgebaut werden. Allerdings verschlingen diese Arbeiten alleine 200 000 Euro.

Die jüdische Gemeinde Göttingen wird bei diesem symbolträchtigen Projekt von vielen Menschen und Organisationen aus Göttingen unterstützt. Legendär sind inzwischen die Benefizkonzerte vom Göttinger Chor und Orchester „ Blaue Sänger“ und auch die Kirchen der Stadt unterstützen die Gemeinde beim Erwerb des Grundstücks für das Gemeindezentrum. Ein nicht-jüdischer Göttinger bringt es auf dem Punkt: „So w ie die Stadt Göttingen die Höhen und Tiefen seiner Geschichte erlebte, so war auch das Verhältnis zu den Juden in der Stadt immer sehr wechselhaft. Nun haben wir die Möglichkeit, die alten Sünden zu sühnen und die Zukunft des jüdischen Lebens hier zu garantieren“.

Die Stadt Göttingen wurde im 12. Jahrhundert gegründet und schon 100 Jahre später durften sich dort auch Juden ansiedeln. Im Mittelalter profitierten die Stadt und die dort lebenden Juden von der geografischen Lage: Auf dem Wege zwischen Lübeck und Frankfurt am Main liegend, entwickelte sich Göttingen zu einem der wichtigsten Handelszentren und trat im 14. Jahrhundert der Hanse bei. Gleichzeitig hatte die Lage der Stadt verheerende Auswirkungen auf die dort lebenden Juden: In Göttingen verlief die Front des Kampfes zwischen Katholiken und Protestanten. Diese Auseinandersetzung hatte den wirtschaftlich-kulturellen Untergang der Stadt nach dem Dreißigjahren Krieg, Pogrome und die Ausweisung der Juden aus der Stadt zur Folge. Erst mit der Gründung der Universität im Jahre 1737 wendete sich das Blatt: Die Stadt wurde zum renommierten Lern- und Wissenschaftsstandort, das wirtschaftliche und kulturelle Leben ging wieder aufwärts und Juden – darunter viele Professoren und Wissenschaftler – waren erneut willkommen.

Mit der „Säuberung“ der Bibliotheken und Verbrennung „ nicht-deutscher“ Bücher am 10. Mai 1933 war in der Universitätsstadt schon sehr früh der Weg frei für die Verfolgung von Juden. In der P ogromnacht am 9. November 1938 wurde die Göttinger Synagoge in der Maschstraße vom Nazi-Pöbel verbrannt. Von den vor 1933 fast 500 jüdischen Einwohnern lebten 1938 noch an die 220 in der Stadt, die von nun an von SA und SS verfolgt wurden. Die letzten 140 Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Göttingen wurden 1942 in die Vernichtungslager deportiert.

Irina Leytus