7. Jahrgang Nr. 7 / 27. Juli 2007 - 12. Av 5767

Bielefelder Kirchenbesetzung friedlich beendet

Gemeinde und Besetzer schließen Kompromiss - Jüdische Gemeinde kauf Gebäude

Die Besetzung der Bielefelder Paul-Gerhardt-Kirche ist nach drei Monaten Ende Juni friedlich beendet worden. Mit der Einigung zwischen Besetzern und Kirchengemeinde wurde zugleich der Weg frei für einen Verkauf des Gotteshauses an die jüdische Kultusgemeinde Bielefeld. Die jüdische Gemeinde und die evangelische Neustädter Mariengemeinde haben bereits am 6. Juli einen entsprechenden Kaufvertrag unterzeichnet. Zum zweiten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik würde dann eine Kirche zu einer Synagoge.

Gegner des Verkaufs hatten aus Protest gegen die Pläne eine Bürgerinitiative gegründet und die Kirche besetzt. Antisemitische Vorwürfe wiesen sie allerdings zurück. Nach der nun unter Vermittlung des westfälischen Altpräses Martin Hans-Linnemann erzielten Einigung können sie die Kirche bis zum 12. September nutzen. Die Jüdische Kultusgemeinde zeigte sich erleichtert über den Kompromiss. Man habe „keine Sorge", dass die ehemaligen Besetzer das Kirchengebäude tatsächlich im September freigeben, so Vorstandsmitglied Irith Michelson.

Die jüdische Kultusgemeinde Bielefeld will im September mit dem Umbau der ehemaligen Paul-Gerhardt-Kirche beginnen, der insgesamt rund 2,5 Millionen Euro kosten soll und nach optimistischen Schätzungen ein Jahr dauert. Michelson hofft auf Spenden von Bielefelder Bürgern, Organisationen und katholischen Kirchengemeinden. Das Land Nordrhein-Westfalen werde voraussichtlich 1,75 Millionen Euro und die Stadt 250.000 . Dabei ist der Wunsch nach einer Synagoge riesig. "Das gibt uns die Möglichkeit, nach 70 Jahren wieder eine angemessene Räumlichkeit für jüdisches, kulturelles und Gemeinde-Leben zu kreieren", freut sich Yuval Adam vom Vorstand. Durch die Zuwanderung aus dem ehemaligen Staaten der Sowjetunion ist die Gemeinde innerhalb der vergangenen acht Jahre von 35 auf über 300 Menschen angewachsen.

Die Kirchengemeinde zog eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs zurück. Das benachbarte ehemalige Pfarrhaus soll »so schnell wie möglich« umgebaut werden, damit dort Veranstaltungen der Gemeinde stattfinden können. Grund für den geplanten Kirchenverkauf ist der Rückgang an Gemeindemitgliedern und Finanzmitteln. Die Paul-Gerhardt- und die Mariengemeinde waren 2005 fusioniert. Die vereinigte Gemeinde sieht sich nicht der Lage, zwei Kirchen zu unterhalten. Die Superintendentin des Kirchenkreises Bielefeld, Regine Burg, zeigte sich erleichtert, »dass die Verhandlungen zu einem friedlichen Ende der Besetzung geführt haben«. Der westfälische Präses Alfred Buß hatte kürzlich für die »historische Chance« geworben, dass in Bielefeld nach fast 70 Jahren wieder eine Synagoge errichtet werden könne.

Die Bürgerinitiative äußerte sich zurückhaltend über den Kompromiss. Es sei ein Fortschritt, dass die Kirche noch bis September genutzt werden könne und die Anzeigen zurückgenommen würden. Die Bürgerinitiative hatte die Paul-Gerhardt-Kirche nach dem letzten offiziellen Gottesdienst Ende März besetzt, um den Verkauf zu verhindern. Seither veranstaltet sie dort Andachten und Gottesdienste. Das Gotteshaus wurde jedoch bereits entwidmet.

epd/dpa