7. Jahrgang Nr. 6 / 29. Juni 2007 - 13. Tammus 5767

Lernen ohne festen Lehrplan

Beim erstes Treffen der Rektoren jüdischer Schulen wurde über gemeinsame inhaltliche Konzepte nachgedacht

Von Jan Popp-Sewing

Wenn sich die Leiter der jüdischen Grundschulen Deutschlands treffen, reicht ein Tisch bequem aus, um allen Platz zu bieten. Unlängst stand dieser Tisch in der Düsseldorfer Yitzhak-Rabin-Schule. Zum ersten Mal seit Jahren waren die Rektoren der jüdischen Schulen Berlin, Frankfurt am Main, München, Düsseldorf und Köln zusammengekommen.

In der deutschen Bildungslandschaft sind jüdische Grundschulen immer noch Exoten. Denn auf ihren Lehrplänen steht neben den üblichen Pflichtfächern auch die Vermittlung jüdischer Identität und der hebräischen Sprache. Während es für Fächer wie Mathematik oder Deutsch in den einzelnen Bundesländern präzise Lehrpläne gibt, die festlegen, welches Thema wann behandelt wird, fehlt diese Systematik bei der Lehre der jüdischen Tradition, Geschichte und Religion. Ein Hauptthema der Schulleiter war daher der Vergleich der Lehrpläne und Schulprogramme untereinander, verbunden mit dem Fernziel, eines Tages einen gemeinsamen Lehrplan mit einheitlichen Lernzielen für den jüdischen Unterricht zu schaffen.

Auch zwischen den jüdischen Ganztagsschulen bestehen große Unterschiede, hervorgerufen durch Geschichte, Lage und unterschiedliche Bildungssysteme in den einzelnen Bundesländern. Die größte Einrichtung ist die Frankfurter Lichtigfeld-Schule mit 400 Schülern und rund 50 Lehrern und Erziehern. Sie ist gerade ins historische Philantropin-Gebäude im Frankfurter Nordend gezogen. Dort hatte auch schon vor dem Krieg die traditionsreiche jüdische Schule mit rund 1200 Schülern ihren Sitz.

In der Berliner Heinz-Galinski-Grundschule werden 283 Kinder unterrichtet. Sowohl in Frankfurt als auch in Berlin haben die Schüler die Möglichkeit, an einer jüdischen Schule Abitur zu machen beziehungsweise sich bis zum Abitur begleiten zu lassen. In Berlin können Schüler an einen Realschul- oder gymnasialen Zweig wechseln. Die Frankfurter Schule geht mittlerweile bis Klasse neun, danach können die Schüler in die Oberstufen örtlicher Gymnasien wechseln, mit denen die Lichtigfeld-Schule kooperiert.

160 Kinder besuchen zurzeit die Düsseldorfer Yitzhak-Rabin-Schule. Sie wurde 1993 gegründet. Auf die Münchner Sinai-Schule gehen 122 Kinder. Ab dem neuen Schuljahr ist eine Aufstockung der Münchner Schule auf 250 Schüler vorgesehen. Die Kölner Lauder-Morijah-Schule besteht erst seit fünf Jahren und liegt im Stadtteil Ehrenfeld. Sie besuchen 82 Kinder.

Am 1. September soll auch die Hamburger Joseph-Carlebach-Schule als zweizügige Grundschule wiedereröffnet werden. Sie war 2005 nach nur dreijährigem Betrieb von der Gemeinde wegen zu geringer Schülerzahlen geschlossen worden. Das macht zusammen aktuell knapp 1.050 Schüler an jüdischen Grundschulen. Diese haben sich mittlerweile auch über die Gemeinden hinaus einen Namen gemacht. Das beweist schon das große Interesse von Eltern nichtjüdischer Schüler, die an den jüdischen Schulen auch unterrichtet werden, wenngleich ihr Anteil begrenzt ist.

Unterschiede zwischen den jüdischen Schulen zeigen sich auch in der Organisation der Nachmittagsbetreuung. Die Schulen haben dafür neben den eigenen Erziehern verschiedene Partner mit ins Boot geholt: von den Jugendzentren, den Horten der jüdischen Gemeinden über örtliche Makkabi-Vereine bis zu nichtjüdischen Vereinen oder Trägern. Meist ist das Ergebnis eine Kombination, wie in Frankfurt, wo sich der Verein „Kaleidoskop" um die Nachmittagsbetreuung kümmert und Makkabi die sportlichen Angebote übernimmt.

Ein wichtiger Punkt ist auch das Engagement der Eltern. In Frankfurt gibt es sogar zwei Fördervereine, in der jungen Kölner Schule hingegen steht das Thema gerade erst auf der Tagesordnung.

Neben diversen graduellen Unterschieden gibt es aber einige zentrale Herausforderungen, denen sich alle Schulen gleichermaßen stellen müssen. Etwa dem Umstand, dass auf Schüler jüdischer Grundschulen durch den Unterricht in Hebräisch und jüdischer Tradition mehr Lernstoff zukommt als auf Schüler an staatlichen Schulen. Hinzu kommt oftmals noch die Notwendigkeit, spezielle Deutsch- und Russisch- Kurse für Zuwanderer-Kinder anzubieten.

Die Schulleiter konzentrierten sich bei ihrem Treffen auf pädagogische und organisatorische Fragen. Die finanziellen Probleme der jüdischen Bildungsstätten, deren Betrieb in der Regel wesentlich höhere Mittel erfordert, als die Länder zuschießen, blieben bei diesem Treffen noch ausgeklammert. Das nächste Mal wollen sich die Schulleiter in einem halben Jahr in Berlin an einen Tisch setzen.

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 21 vom 24. 5.2007