7. Jahrgang Nr. 6 / 29. Juni 2007 - 13. Tammus 5767

„Synagoge des Nordens" eingeweiht

Jüdische Gemeinde Bad Segeberg: Nach fünf Jahren wurde neues Zentrum feierlich eröffnet .

Von Gabriela Fenyes

„Ich gratuliere Ihnen von Herzen", sagte gerührt der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Peter Harry Carstensen bei der Einweihung des neuen Gemeindezentrums der Jüdischen Gemeinde Bad Segeberg. Dies sei ein „bewegender Tag für unser ganzes Land". Und dann sagte er: „Es ist mir eine besondere Ehre, den Namen des neuen Gemeindezentrums zu verkünden, Mischkan HaZafon', das heißt ,Synagoge des Nordens." Die 500 Gäste und Gemeindemitglieder applaudierten, andere wischten sich vor Rührung Tränen aus dem Gesicht.

Die fünf Jahre alte Gemeinde mit ihren 150 Mitgliedern „ist stolz darauf, die erste neue Synagoge in Schleswig-Holstein gebaut zu haben", sagte Walter Blender, Vorsitzender der Segeberger Jüdischen Gemeinde. Die zahlreichen Festredner, u.a. das Präsidiumsmitglied des Zentralrates der Juden in Deutschland, Felix Beyelenkow, und der Vorsitzende der Union progressiver Juden in Deutschland, Dr. Jan Mühlstein, wünschten der Gemeinde „viel Glück, Naches und Mazal tov". Landesrabbiner Walter L. Rothschild, der die Gemeinde von Anfang an begleitet hat, wurde aus Anlass dieses Festtages am 24. Juni 2007 (8.Tammus 5767) außerdem offiziell in sein Amt eingeführt.

Begleitet von jüdischen Volksliedern trugen Landesrabbiner Rothschild, der Vorsitzende der Gemeinde, Walter Blender, und sein Schwiegervater Manfred Neuman unter einer schneeweißen Chuppa die drei Thora-Rollen der Gemeinde. Eine der Thora-Rollen ist mehr als 300 Jahre alt und stammt aus dem Besitz der von den Nationalsozialisten zerschlagenen Bad Segeberger Gemeinde. Wie durch ein Wunder konnte sie gerettet werden, war bis vor kurzem im Lübecker Völkerkundemuseum zu sehen und ist wieder im Besitz der neuen Segeberger Gemeinde. „Jetzt ist sie wieder zu Hause", sagt Gemeindevorstandsmitglied Ljudmila Budnikov. Das neue Zuhause der Bad Segeberger Jüdischen Gemeinde ist am Jean-Labowksy-Weg 1 und erinnert an Segebergs ersten Stadtdirektor, der als einziger Jude die Vertreibung und Vernichtung in dem Kurort überlebt hat.

Die Geschichte der neuen jüdischen Gemeinde liest sich wie eine Erfolgsstory: 2002 gründeten 28 Erwachsenen und ihre 13 Kinder die Gemeinde. Die Mitglieder fanden zunächst provisorisch Unterschlupf bei einer evangelischen Organisation, später mieteten sie für ihre Gottesdienste und Veranstaltungen Räume in einem Wohnhaus. „Es war ein langer Weg, aber er hat sich gelohnt", so Budnikov überglücklich.

Noch wenige Tage vor der Eröffnung der neuen Synagoge wurde auf der ungewöhnlichen Baustelle unermüdlich gestrichen, gehämmert und gebohrt. Ungewöhnlich deshalb, weil die Gemeindemitglieder intensiv selbst Hand an den Neubau gelegt haben. Am Wichtigsten war die Fertigstellung des 150 Quadratmeter großen Multifunktionsraums. Er dient als Bet- und Gemeindesaal, beherbergt die Bibliothek und ist gleichzeitig Besprechungsraum. Die koschere Küche wurde nur einige Tage vor der Eröffnung eingebaut.

Bis zuletzt wurde auch im Keller des Gemeindezentrum die Mikwe gefliest und geschrubbt. Sie ist die einzige in Schleswig-Holstein. In sanftem Beige gehalten, strahlt der Raum Ruhe und Geborgenheit aus. Im Gegensatz dazu sind die Kinder- und Jugendräume farbenfroh, Bücher und Spielsachen sind in Regalen und Kartons verstaut. Und auch die jungen Sportlerinnen und Sportler sind stolz auf ihren Clubraum. Neben der Gemeinde hat auch der Landesverband der jüdischen Gemeinden von Schleswig Holstein K.d.ö.R., dem fünf Gemeinden angehören, seinen Sitz in den neuen Räumen.

„Wir haben so viele gute Erfahrungen gemacht und von überall Unterstützung bekommen", freut sich Blender. Dann zeigt er auf ein Fenster, das wie ein Davidstern aussieht und gen Osten ausgerichtet ist. „Wir sind berauscht", sagt der Vorsitzende überglücklich und reißt die Arme in die Luft. Der 46jährige, im „Hauptberuf" Kriminalhauptkommissar, ist der Motor der Gemeinde. Das hört er nicht gerne, denn „wir sind alle eine Familie". Seine Frau Miriam stimmt ihm zu. Sie berichtet von den Aktivitäten in der Gemeinde: Jugendarbeit, Kulturprogrammen, Religionsunterricht, Deutschkurse für die zahlreichen russischsprachigen Mitglieder, Sozialarbeit, Hilfe bei Behördengängen und Gottesdienste, in denen Frauen und Männer gleichberechtigt sind. „Wir können alle beten und aus der Thora lesen und alle Gemeindemitglieder können dem Gottesdienst folgen."

Gegenüber dem Klinkerbau liegt der ehemalige jüdische Friedhof der Stadt, der 1792 eröffnet wurde und 1936 geschlossen werden musste. „Alles ist wieder an einem Platz", sagt Walter Blender.

1,6 Millionen Euro kostete der Neubau, das Land Schleswig-Holstein beteiligte sich mit 250.000 Euro, 35.000 Euro kamen von der Stiftung „Holstein-Herz", 14.000 Euro von der „Bingo-Lotterie", aber „uns fehlen noch 150.000 Euro, damit wir die oberen Stockwerke können", sagt das dritte Vorstandsmitglied Stephan Weckwert. „Wir wollen keine Schulden machen", erklärt der hauptberufliche Krankenpfleger und Schatzmeister der Gemeinde. Weckwert ist ein ruhiger, besonnener Mann, aber seine Augen fangen an zu strahlen, wenn er erzählt, dass seine Tochter Patricia und ihre Freundin Viktoria Budnikov jetzt im Juli die erste Bat Mitzwah im neuen Gemeindezentrum feiern.