4. Jahrgang Nr. 7 / 23. Juli 2004 - 5. Aw 5764

Warum seit 2000 Jahren getrauert wird

Von Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart

Am kommenden Schabbat beginnen wir mit der Lesung des fünften Buch Moses. Am Anfang der prophetischen Lektüre lesen wir im Buch des Propheten Jesaja.

„Euer Land verödet, eure Städte im Feuer verbrannt, euer Boden - vor euch verzehren ihn Fremde, und (alles) eine Öde, wie (nach) der Fremden Zerstörung. Zions Tochter (Jerusalem) blieb übrig, wie eine belagerte Stadt...“ ( Jes.1:7-8). Der heutige Leser und Hörer dieser prophetischen Vision reagiert distanziert und ist längst durch die tägliche Berieselung aus dem Äther mit als „Informationen“ getarnten Schreckensmeldungen aus aller Welt abgestumpft. Daher sind wir kaum in der Lage, die Wirkung dieser Rede in ihrer altertümlichen Bildersprache auf die damaligen Zuhörer zu beurteilen.

Jeschajahu ben Amoz, ein Mann aus vornehmer Familie im alten Israel, war eine Persönlichkeit mit einer gewaltigen Ausdrucksfähigkeit. Der Inhalt seiner Reden hat die Zuhörer und Leser stets ergriffen. Er tadelte mutig und scharf die Pervertiertheit der damaligen Herrschenden. Er wies darauf hin, dass der König Zidkijahu (vor etwa 2700 Jahren) zwar ein wohlwollender, g-ttesfürchtiger Mann sei, aber zu schwach, um den Erfordernissen seiner Zeit gerecht zu werden.

Der Grund, warum diese altertümlichen prophetischen Ermahnungen am kommenden Schabbat in allen Synagogen der Welt vorgetragen werden, liegt im jüdischen Kalender. Der 9. Aw (27. Juli), ein Trauer- und Fastentag, erinnert uns an die zweimalige Zerstörung und Vernichtung Jerusalems, der Hauptstadt des jüdischen Staates. Zunächst wurde sie durch die alten Babylonier und später, im Jahre 70 nach unserer Zeitrechnung, durch die Römer belagert und zerstört. Beide Male wurde das Land besetzt und seine Einwohner, die Israeliten, wurden deportiert und vertrieben. Die Folge der Vertreibung durch die Römer war, dass die Mehrheit unseres Volkes bis heute in der „Gola“, d.h. in der Diaspora, außerhalb des Heiligen Landes lebt. Jahrhunderte lang war es den Israeliten sogar verboten, sich in Jerusalem niederzulassen. Die Stadt haben die Römer in „Aelia Capitolina“ umgetauft, wie sie auch Israel umbenannt haben. Der Name „Palästina“ sollte die Erinnerung an die Juden aus dieser Gegend vertilgen und glaubhaft machen, dass es sich um das Land der Philister handelt.

Es ist für mich eine Ironie der Geschichte, dass sich die Araber, die heute auf dem Gebiet des Heiligen Landes ansässig sind, trotzdem „Palästinenser“ nennen wollen. Obwohl die Namensgebung durch Rom für alle Semiten als Herabsetzung und Demütigung gemeint war.