7. Jahrgang Nr. 5 / 25. Mai 2007 - 8. Siwan 5767

Künstlerische Seele Israels

Das Berliner Centrum Judaicum widmet dem deutsch-jüdischen Maler und Graphiker Hermann Struck eine Ausstellung

Gibt es eine „spezifisch jüdische" Kunst? Über diese Frage gehen die Meinungen heute noch ebenso auseinander wie vor hundert Jahren. Der deutsch-jüdische Maler, Radierer und Lithograph und frühe Zionist Hermann Struck hätte sie klar bejaht, denn er galt als vehementer Vertreter einer spezifisch jüdischen Kunst. Dem Lebenswerk von Struck, der bis 1922 in Berlin und dann bis zu seinem Tod 1944 in Haifa gelebt hat und der als „künstlerische Seele Israels" gilt, widmet das Centrum Judaicum in Berlin derzeit eine Ausstellung.
Struck wurde als Chaim Aaron ben David 1876 in Berlin geboren und studierte fünf Jahre lang an der Berliner Akademie der Künste Malerei und Grafik. Nach dem Studium reiste Struck nach Holland, Dänemark und Palästina, in die Schweiz, nach Schweden, England und in die USA. 1908 veröffentlichte er das Buch „Die Kunst des Radierens", bis heute ein anerkanntes Standardwerk der Radiertechnik, das allein bis 1923 fünfmal aufgelegt wurde. Die einzelnen Auflagen enthielten Original-Radierungen von Struck und bekannten Künstlern seiner Zeit wie Max Liebermann, Edvard Munch und Max Slevogt.
Struck war als Pädagoge mindestens ebenso einflussreich wie als Künstler: Künstlerkollegen wie Lovis Corinth, Lesser Ury oder Marc Chagall ließen sich von ihm in der Technik der grafischen Künste unterweisen. Als überzeugter Zionist war Struck auch politisch aktiv und engagierte sich für die Juden in Osteuropa und Russland. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges meldete er sich freiwillig und diente als Unteroffizier in der deutschen Wehrmacht. Von seinen Stationen als Soldat schickte er Zeichnungen zur Veröffentlichung an Zeitschriften in seiner deutschen Heimat.
Neben Landschaftsbildern und Milieustudien aus dem jüdischen Leben ist er für seine Porträts bekannter Persönlichkeiten und Charakterstudien russischer und galizischer Juden bekannt. Struck hatte Verbindungen zu Schriftstellern, Künstlern und Wissenschaftlern wie Arnold Zweig, Lovis Corinth, Albert Einstein, Sigmund Freud und Theodor Herzl. Auch Hendrik Ibsen, Friedrich Nietzsche und Oscar Wilde hat Struck künstlerisch portraitiert. Aus einer Begegnung mit Arnold Zweig in Litauen (1915) entstand das Buch „Das ostjüdische Antlitz". Für Struck verkörperten die „Ostjuden am besten den Geist der Diaspora", ohne den seine Vision von Israels Zukunft undenkbar war. Als orthodoxer Jude, Mitbegründer der Mizrachi-Bewegung und engagierter Zionist besuchte Struck Palästina schon 1903, wo er auf dem Fünften Zionisten-Kongress vier seiner Bilder ausstellen konnte: Landschaftsbilder, die das jüdische Heimatland zeigen oder kleine Städte in Europa.
1923 wanderte Struck nach Haifa aus und unterstützte den Aufbau künstlerischer Institutionen in Palästina: Eine Künstlerkolonie in Haifa, das Kunstmuseum Tel Aviv und die Bezalel Akademie für Kunst und Design in Jerusalem, dem kunstpädagogischen Herz Israels.

Infos:
Ausstellung im Centrum Judaicum in Berlin-Mitte
Oranienburger Straße
vom 31. Mai bis 19. August 2007

Ulf Meyer