7. Jahrgang Nr. 5 / 25. Mai 2007 - 8. Siwan 5767

Lösung muss fair und gerecht sein

Tenor der Raubkunst-Konferenz in Potsdam: Ansprüche der Erben und Interessen von Museen berücksichtigen

Von Carsten Dippel

Die Welt der Kunst bestimmt selten die Schlagzeilen – wenn nicht gerade ein berühmtes Gemälde gestohlen wurde oder eine spektakuläre Ausstellung zu sehen ist. Seit letztem Jahr ist das anders. Mit der sensationellen Versteigerung der „Berliner Straßenszene" (1913) des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner bei der New Yorker Herbstauktion von Christie's brach plötzlich eine ungemein heftige Debatte um Raubkunst und Restitution auf. Es geht um bedeutende Kunstwerke, viel Geld und die Schatten der dunklen Vergangenheit.

Was war geschehen? Für 38 Mio. Dollar hatte Kosmetik-Erbe Ronald S. Lauder seine New Gallery in Manhattan um Kirchners bedeutendes Werk erweitert. Aufsehen erregte Lauder bereits mit der zu einem Rekordpreis erworbenen „Goldenen Adele" (1907) von Gustav Klimt. Beide Werke waren zuvor aus deutschen und österreichischen Museen an die jüdischen Erben zurückgegeben worden. Spektakuläre Einzelfälle oder Teil einer „Restitutionsindustrie"? Dienen Museen plötzlich als Nachschubbasis für den internationalen Kunstmarkt, wie von manchem Kritiker befürchtet?

Jahrzehntelang schien sich niemand so recht für den Kunstraub der Nazis zu interessieren. Auf ihrem Beutezug durch das besetzte Europa hatten diese zur großen Jagd nach Kunstschätzen angesetzt, Museen und private Sammlungen geplündert, jüdischen Besitz „arisiert". Am Ende sollte alles im „Führermuseum" in Linz präsentiert werden – natürlich nur, was nicht als „entartet" galt. Erst mit der Öffnung der Archive hinter dem Eisernen Vorhang kam Bewegung ins Spiel. Trotzdem dauerte es bis 1998, ehe sich 44 Staaten, unter ihnen auch die Bundesrepublik, in der Washingtoner Erklärung dazu verpflichteten, „faire und gerechte" Lösungen in offenen Restitutionsfragen zu finden. Wirklich wachgerüttelt wurde die bundesdeutsche Politik wohl aber erst durch die Kirchner-Debatte.

Mit einer internationalen Konferenz, hochkarätig besetzt und mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, hat das Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien (MMZ) diese Kontroverse kürzlich aufgegriffen. Man wolle damit, so Direktor Julius H. Schoeps, einen Beitrag zur Versachlichung der Debatte leisten und zugleich konkrete Lösungsvorschläge unterbreiten.

Konsens herrschte weitgehend darüber, dass dem legitimen Recht auf Restitution stattgegeben werden müsse. In der aufgeheizten Diskussion der letzten Monate war das nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Um den Prinzipien der Washingtoner Erklärung zu folgen, bedürfe es jedoch eines entsprechend transparenten Verfahrens, so Georg Heuberger von der Jewish Claims Conference.

Doch wie können „faire und gerechte" Lösungen aussehen, die die Ansprüche der Erben ebenso berücksichtigen wie die Interessen der Museen? Jeder Fall, so wurde betont, liege anders, bedürfe daher auch einer eingehenden individuellen Prüfung. Ab wann kann etwa eine „Veräußerung" als „verfolgungsbedingt" gelten? Was ist mit Kunstwerken, die im Exil verkauft wurden, um die bloße Existenz zu sichern? Ist ein im besetzten Paris gekauftes Bild ein „rechtmäßiger" Erwerb? Historisch wie juristisch schwer zu klärende Fragen, zumal das Problem nicht nur Deutschland betrifft. Provenienzforschung sei daher dringend nötig, mahnt Schoeps. Der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Martin Roth, warnt jedoch davor, diese gewaltige Aufgabe zu unterschätzen. Die Recherche von Provenienzen sei äußerst kostspielig und zeitaufwendig. Er schlägt daher vor, Museen mit Fonds oder Darlehenskonten auszustatten. Damit ließe sich in manchen Fällen sogar der Verlust eines Kunstwerkes abwenden, denn nicht jede Restitution müsse automatisch Rückgabe bedeuten. Hier gebe es genügend Spielraum für alternative Lösungen, etwa in Form eines Rückkaufs oder einer Dauerleihgabe.

Der Bedarf an Aufklärung und Verständigung, das machte die Konferenz deutlich, ist nach wie vor groß. Angesichts der komplexen Materie sind in der Auseinandersetzung mit offenen Restitutionsfragen aber nicht nur Sachlichkeit, sondern in jedem Fall auch Sensibilität gefragt.