7. Jahrgang Nr. 5 / 25. Mai 2007 - 8. Siwan 5767

Sorgentelefon auf Russisch

Psychologen und Freiwillige helfen beim „Telefon des Vertrauens" rund um die Uhr

Auf den ersten Blick ist die Büroetage im Gartenhaus an der Berliner Schönhauser Allee ein Büro wie jedes andere: jede Menge Computer, Schreibtische, Telefone, Regale, Blumen, Teeküche und Besprechungszimmer. Eines der vielen Zimmer fällt allerdings aus dem üblichen Rahmen: In diesem Raum ist die Telefonanlage ungewöhnlich groß und am Fenster steht ein Bett. „Hier können sich unsere Kollegen, die Nachtschicht haben, ausruhen, sofern es zwischen den einzelnen Beratungsgesprächen zu einer längeren Pause kommt", erklärt Tatjana Michalak, ausgebildete Psychologin und Leiterin des Beratungsprojektes „Telefon Dowerija Berlin" (Telefon des Vertrauens Berlin). Dabei handelt es sich um ein Sorgentelefon in russischer Sprache.

Michalak betont, wie wichtig es ist, rund um die Uhr erreichbar zu sein, denn in der Regel brauchen Hilfe suchende Menschen ihren Ansprechpartner immer sofort. Die speziell ausgebildeten Volontäre – zur Zeit sind es 53 – arbeiten in drei Schichten, sieben Tage die Woche. „Die meisten Anrufe kommen abends, aber die richtig dramatische Hilferufe kommen nachts".

Welche Fragen können gestellt werden? „Bei uns kommt eigentlich alles vor. Das Spektrum reicht von bürokratische Fragen, über Probleme am Arbeitsplatz, Stress in der Familie, bis zu depressiven Verstimmungen oder gar Selbstmordankündigungen", so Elizaweta Malzer, die Psychologie in St. Petersburg studiert hat. Bald beendet sie ihre Ausbildung als Trainerin, bis dahin allerdings arbeitet sie nach dem Motto „learing bei doing". Gemeinsam mit Tatjana Michalak bildet sie zur Zeit 17 Volontäre aus.

Warum sind die freiwilligen Helfer bereit, ihre Freizeit mit einer psychisch so belastenden Arbeit zu verbringen? „Wegen meiner fehlenden Deutschkenntnisse kann ich in Deutschland nicht in meinem alten Beruf arbeiten. Durch die Beratung kann ich zumindest anderen Menschen helfen"; sagt eine ältere Dame. Ein junger Mann hat sein Abschluss als Psychologe in Deutschland gemacht und hat bereits erste berufliche Erfahrungen mit persönlichen Beratungsgesprächen, möchte sich aber mit Hilfe der telefonischen Beratung weiterqualifizieren: „Am Telefon ist es ganz anderes als im persönlichen Gespräch. Es ist viel komplizierter." Eine junge Frau antwortet ganz direkt: „Ich habe mich, als ich nach Deutschland kam, schnell beruflich und sozial integrieren. Nun ist es meine Pflicht, Menschen zu helfen, die nicht soviel Glück hatten wie ich."

Tatjana Michalak, die 1990 im Rahmen eines psychologischen Berufspraktikums als Volontärin bei „Telefon Dowerija" in Berlin anfing, unterstützt ihre Leute nicht nur professionell durch Coaching und Weiterbildung, sondern sorgt auch für eine gute freundschaftliche und kollegiale Arbeitsatmosphäre, die bei diesem Job unbedingt erforderlich ist. Sie nimmt außerdem immer wieder Kontakt zu anderen Telefonnotdiensten auf. So empfing sie vor zwei Jahren empfing Kollegen eines russischsprachigen Sorgetelefons aus Israel. Sie steht im regelmäßigen Erfahrungsaustausch mit deutschsprachigen Kollegen des diakonischen Sorgentelefons. Jetzt plant Michalak in Berlin eine Konferenz für russischsprachige Sorgentelefondienste in Deutschland. „Wir Berliner können dabei konzeptionell und praktisch helfen, da wir über viel Erfahrung verfügen. Langfristig wäre eine telefonische Weiterschaltung zwischen verschiedenen Büros denkbar, falls der Telefondienst in einer kleineren Stadt nicht rund um die Uhr besetzt werden kann oder etwa überlastet ist".
il

Infos über das Telefon Dowerija:
für Hilfesuchende rund um die Uhr:
Tel. 030 44 01 06 06

für Fragen zur Konferenz oder für die potentielle Volontäre:
Tel. 030 44 30 84 68