7. Jahrgang Nr. 5 / 25. Mai 2007 - 8. Siwan 5767

Das Fest der vielen Namen

SCHAWUOT - Gedanken zum Fest der Offenbarung

Von Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart

Es gibt kaum ein anderes Fest unter den biblischen Feiertagen unseres Volkes, das eine vielschichtigere Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte vorzuweisen hätte, als das Schawuot-Fest, das wir am 23. und 24. Mai (6./7. Siwan) gefeiert haben. Schon allein die unterschiedlichen Namen und Bezeichnungen dieses Festes sind höchst ungewöhnlich.

Allein in der Tora in den mosaischen Büchern finden wir dreierlei verschiedene Namen: Im zweiten Buch Mose wird es als „das Fest der Ernte" bezeichnet (2.B.M. 23:16), da zu dieser Zeit im Heiligen Land das Getreide sowie einige andere Früchte bereits geerntet werden. Im zweiten und auch im fünften Mosebuch (2.B.M. 34:22-5, 5.B.M. 16:19) taucht außerdem der Name „Schawuot-Fest, d.h. Wochenfest auf und wird an dieser Stelle allerdings von einer anderen Bezeichnung flankiert: Fest der Erstlingsfrüchte. Der Name „Wochenfest" weist auf ein Gebot aus der Tora hin, das uns die Zählung der Tage und der Wochen, beginnend am zweiten Tag des Pessachfestes, verordnet. Nach Ablauf von sieben Wochen, also am fünfzigsten Tag, folgt dann Schawout. Aufgrund der in der Tora angeordneten Zählung der Tage und Wochen konnten die Landwirte des Heiligen Landes weder das Fest, noch ihre Pflichten zur Abgabe von Erstlingsfrüchten für den Tempel in Jerusalem vergessen. In der nachbiblischen Zeit, im Talmud, finden wir auch die Bezeichnung „Schlussfest". So wollte man das Schawuotfest direkt an Pessach anbinden und damit betonen, dass es die sieben Wochen nach Pessach - Fest der Befreiung - abschließt. Darüberhinaus finden wir in der Liturgie für die Synagogen den Namen „Seman Matan Toratenu" (Fest der Toragebung). Einige Gelehrte sind der Meinung, dass die Überlieferung sich bereits während der vierzigjährigen Wüstenwanderung der Kinder Israels etabliert haben könnte. Damit sollte möglicherweise das Fest als Gedenktag der Offenbarung der Zehn Gebote am Berge Sinai begangen werden.

Der bekannteste Philosoph und Gelehrte des jüdischen Mittelalters, Maimonides, meinte, dass sogar das Zählen der Tage und Wochen zwischen dem Fest des Auszuges aus Ägypten und der Offenbarung ursprünglich den Sinn haben musste, die beiden wichtigsten Ereignisse der altertümlichen Volksgeschichte Israels nachhaltiger miteinander zu verbinden. Er stellte sich vor, dass es der tiefere Sinn der Befreiung aus Ägypten war, das Volk nach Sinai zur Offenbarung der Zehn Gebote und damit zu G-tt hinzuführen.