4. Jahrgang Nr. 7 / 23. Juli 2004 - 5. Aw 5764

Auszeichnung für die „Weiße Stadt“

Die UNESCO erklärt 4000 Gebäude im Bauhaus-Stil im Zentrum von Tel Aviv zum Weltkulturerbe

Von Ulf Meyer

Im Zentrum von Tel Aviv, in der „weißen Stadt“ gibt es mehr Gebäude im Stil der klassischen Moderne als irgendwo sonst auf der Welt. Die „weiße Stadt“, die in den 30er Jahren bis zur Staatsgründung errichtet wurde, gehört seit Juni 2004 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Etwa 4000 Gebäude im „europäischen Stil der 20er Jahre“, die zwischen 1931-1956 von europäischen Immigranten überwiegend aus Berlin und Wien errichtet wurden, stehen unter dem Schutz der UNO. Die „weiße Stadt“ in Tel Aviv ist nach Meinung der UNESCO „eine Synthese der Trends der Moderne in Architektur und Städtebau im frühen 20. Jahrhundert“. Sie erstreckt sich rund um das Gebiet zwischen Rothschild-Boulevard, Dizengoff-Platz bis hin zur Strandpromenade.

Viele Immigranten fühlten sich von der urbanen Siedlung nördlich von Jaffa, die in ihrer Frische und Strahlkraft für Hoffnung und ein Zukunftsversprechen im „gelobten Land“ stand, angezogen und bauten fleißig mit an der „weißen Stadt“. Architekten wie der Berliner Theaterbauer Oskar Kaufmann und die Gebrüder Friedmann machten Tel Aviv zu einer Hochburg des „Bauhaus-Stils“. Es gibt frappierende Ähnlichkeiten zwischen Gebäuden in Berlin und Tel Aviv und die gemeinsame Geschichte ist stellenweise augenfällig. Die Einwanderer passten die moderne Architektur lediglich an das örtliche Klima, die Kultur und Gesellschaft an.

Der städtebauliche Plan für das neue Tel Aviv stammte ursprünglich von Sir Patrick Geddes. Im Auftrag von Staatspräsident Chaim Weizmann gab Geddes der neuen Stadt 1924 ihren Grundriss mit breiten Alleen, schmalen, schattigen Seitenstraßen und dem zentralen großen runden Dizengoff-Platz, der um 1940 mit eleganten, stromlinienförmigen Gebäuden gefasst wurde. Zunächst hatte es eine Kontroverse gegeben, ob eine abend- oder morgenländische Architektur die Identität des jungen Staates Israel bestimmen soll.

Nur der Berliner Baumeister Alexander Baerwald trat für eine „orientalische Architektur“ ein. Von seinem Berliner Büro aus entwarf er „morgenländische“ Gebäude wie das Technion in Haifa von 1913, wo anfangs die Unterrichtssprache Deutsch war.

Erst mit der Einwanderungswelle seit Beginn des Naziterrors in den 30er Jahren schlug das Pendel um: In Ermangelung eines überzeugenden „hebräischen Stils“ setzte sich der moderne Stil durch. Das Dilemma der Architektur, entweder der Landschaft oder den Einwandern fremd zu sein, wurde dadurch freilich nicht gelöst. Der Transfer von Ideen und Personen schuf vielmehr ein „Stück Europa in Asien“. Einige typische Elemente der weißen Moderne - wie das Flachdach, weiße Putzfassaden, tiefe Balkone und Sonnenschutzblenden - erwiesen sich in Palästina als ausgesprochen praktisch. Erst der Holocaust förderte auch in der Architektur einen „Bruch mit dem Westen“. Der berühmte Berliner Architekt Erich Mendelsohn machte sich zum „Anwalt einer Ost-West-Synthese, die modernste Zivilisation und älteste Kultur“ miteinander verknüpft. Bei seinem Entwurf für das Hadassah-Hospital in Jerusalem zeugen beispielsweise die orientalischen Kuppeln vom Bezug zur Geschichte. Mendelsohn versuchte, eine reine israelische Architektur zu entwickeln.

Die mangelnde Pflege des architektonischen Erbes in Israel führt jedoch dazu, dass die reine Ästhetik der Moderne fast nur noch auf Photos existiert. Die Anerkennung der „Weißen Stadt“ in Tel Aviv als Weltkulturerbe ist die bisherige Krönung der Wiederentdeckung der Moderne in Israel.

Obwohl architekturgeschichtlich falsch, wurden die Bauten mittlerweile auch von cleveren Tourismusmanagern entdeckt, die nun den "Bauhaus"-Stil als Touristenattraktion bewerben. In eine einheitliche Schublade passen die Entwerfer und ihre Bauten hingegen nicht: Vom Berliner Expressionismus über die Weimarer-Schule bis zur Dessauer Bauhaus-Strenge reichen die Einflüsse: Mendelsohns Eleganz wurde ebenso kopiert wie Bruno Tauts Ideen des Neuen Bauens, De Stijls kubistische Schachtelräume oder Le Corbusiers freie Erdgeschosse und die auf Säulen stehenden Häuser.

Hinter "Bauhaus"-Fassaden zu wohnen, ist heute wieder schick in Tel Aviv, obwohl die meisten Häuser in erbärmlichem Zustand sind. Um den Wohnraum zu vergrößern, haben viele Mieter ihre Terrassen leider zugebaut und somit vor allem die Fassaden verschandelt. Aber abgerissen werden die Bauten der Moderne in Tel Aviv kaum noch. Erste Gebäude sind inzwischen wieder topsaniert – mit städtischen oder privaten Geldern.