7. Jahrgang Nr. 4 / 27. April 2007 - 9. Ijar 5767

„Das hat’s bei uns nicht gegeben“

Wanderausstellung über Antisemitismus in der DDR: Schüler haben Spurensuche betrieben und erschreckende Ergebnisse zusammengetragen

Die SED behauptete stets, in der DDR sei der Faschismus „mit Stumpf und Stiel" ausgerottet worden. Wie verlogen diese Haltung war, machte eine Ausstellung der Amadeu-Antonio-Stiftung in Berlin deutlich. Ein Jahr lang sind 76 Jugendliche in acht ostdeutschen Städten auf Spurensuche gegangen. Sie haben Zeitzeugen befragt und Akten gewälzt. „Das hat's bei uns nicht gegeben!", schlug es ihnen häufig bei ihren Recherchen entgegen. So lautet denn auch der Titel des auf 36 Tafeln mit Texten, Fotos und Dokumenten präsentierten Projekts. Die als Wanderausstellung konzipierte Schau zeigt, dass der Antisemitismus in der DDR viele Gesichter hatte.

Einige Beispiele: Im mecklenburgischen Hagenow etwa fanden die Jugendlichen einen als Türschwelle missbrauchten Grabstein. Der dortige alte jüdische Friedhof war in den 60er Jahren vollständig „abgeräumt" worden. Auf dem Gelände parkten später Müllfahrzeuge. Wer wusste in der DDR, dass das in Auschwitz eingesetzte Zyklon B in Dessau produziert wurde? An dieses Kapitel der Stadtgeschichte wollte sich niemand so recht erinnern - im DDR-Geschichtsunterricht fiel darüber kein Wort. Und welcher DDR-Bürger ahnte, dass die SED unter „Solidarität mit dem palästinensischen Volk" die Ausbildung von PLO-Terroristen verstand und dem Drahtzieher des Münchner Olympiaattentats von 1972, bei dem elf israelische Sportler entführt und ermordet wurden, Unterschlupf gewährte?

Selbst hinter dem sich wandelnden Ton gegen Ende der DDR in den späten Achtziger Jahren, als man mit großem Aufwand den Wiederaufbau der Synagoge in der Oranienburger Straße begann, steckte politische Absicht, wie Wolf Biermann auf dem abendlichen Podium zur Ausstellungseröffnung im Rathaus Lichtenberg, wo die Präsentation bis zum 24. April ihre erste Station hatte, bemerkte. SED-Chef Honecker sehnte sich nach außenpolitischer Reputation und spekulierte dabei auf die Hilfe einer als einflussreich vermuteten „jüdischen Lobby" in den USA.

Der Antisemitismus in der DDR hatte aber auch ein ganz alltägliches Gesicht, was in der Ausstellung sehr anschaulich zusammengetragen wurde: In Schulbänke geritzte SSRunen, antisemitische Schmierereien, Sieg-Heil-Parolen. Sogar eine „SS-Division" gab es: In Wolgast hatte eine Gruppe junger Männer schwarze Uniformen geschneidert und Hakenkreuzfahnen gebastelt. Die Stasi hat dies genau dokumentiert und zugleich alles dafür getan, die Aktion nicht öffentlich werden zu lassen. Solche Vorfälle wurden gezielt verharmlost oder ganz unter den Teppich gekehrt. Manche mussten sich zwar vor dem „Kollektiv" rechtfertigen, selten jedoch ging man juristisch gegen die Verursacher vor. Eine ernsthafte, gar öffentliche Auseinandersetzung mit verbreiteten antijüdischen Ressentiments wurde vermieden, gerade weil das ideologische Korsett des Antifaschismus den kritischen Blick in die eigene Vergangenheit verhinderte.

Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, erinnert daran, dass die Wurzeln von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus im heutigen Ostdeutschland weit in die DDR zurück reichen. In Berlin war die Ausstellung bis zum 24. April im Rathaus Lichtenberg zu sehen. Danach wird sie im Eberswalder Zentrum für demokratische Kultur, Jugendarbeit und Schule e.V. (Brandenburg), im Rathaus Dessau (Sachsen-Anhalt) und im Rathaus Treptow-Köpenick (Berlin) gezeigt werden.

Weitere Infos und Kontakt:
www.amadeu-antonio-stiftung.de , Telefon 030. 240 886 12

Carsten Dippel