4. Jahrgang Nr. 7 / 23. Juli 2004 - 5. Aw 5764

„Brodyer Schul“ wurde 100 Jahre alt

Leipziger Gemeinde feierte Jubiläum mit ehemaligen Mitgliedern aus der ganzen Welt

Eigentlich wurde sie bereits im März 1904 eingeweiht – doch der 100. Geburtstag der Synagoge in der Keilstraße wurde erst im Juni 2004 gefeiert. Die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig hatte den Jubiläums-Gottesdienst auf ein Datum gelegt, „an dem ehemalige Leipziger aus fünf Kontinenten ihre Geburtsstadt besuchen und an dem Gottesdienst teilnehmen konnten“, erinnert sich der Gemeindevorsitzende Küf Kaufmann.

Historisch ganz exakt beging die Religionsgemeinde das Jubiläum ohnehin nicht. Schon im September 1903 gab das Bauordnungsamt die "Brodyer Synagoge" in der Keilstraße 4 zur Nutzung frei, damit jüdische Leipziger ihre hohen Feiertage begehen könnten. Offiziell eingeweiht wurde das Gotteshaus erst im März 1904. Ein Plagwitzer Kaufmann hatte das Doppelwohnhaus in der Keilstraße 4-6 um 1900 erworben, wollte ein Jahr später das Erdgeschoss zu einem Betsaal umbauen. Da sich Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr orthodoxe Juden in der Stadt niederließen, reichte das Platzangebot in der Gemeindesynagoge an der Gottschedstraße nicht mehr aus. Doch die Pläne scheiterten. Erst der Talmud-Thora-Verein, den jüdische Wirtschaftsleute wie Samuel Kroch und Alexander Landau gründet hatten, konnte das Vorhaben umsetzen. Der Verein erwarb den Komplex im April 1903, zwei Monate später begannen die Umbauarbeiten. Außer einer Synagoge entstanden eine Bibliothek, die Dienstwohnung für Rabbiner Dr. Ephraim Carlebach und Unterrichtsräume. Eingeweiht wurde die "Talmud-Thora-Synagoge" (wobei bei den Betenden die Bezeichnung "Brodyer Schul" verbreitet blieb) im März 1904.

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 verwüsteten die Nationalsozialisten den Innenraum der Synagoge. Ein Brandherd konnte von beherzten Anwohnern gelöscht werden. Da sich die Synagoge in einem Wohnhaus befindet, wagten die Nationalsozialisten nicht, sie anzuzünden. Da der Talmud-Thora-Verein eine Hypothek nicht bedienen konnte, wurde das Gebäude bereits 1937 zwangsversteigert. Nach der Wende kehrte die Gemeinde in das Gebäude zurück, das sie bis heute nutzt. Mit finanzieller Hilfe der Stadt wurde zudem 2001 die Empore erweitert, um mehr Platz für Gottesdienste zu haben. Die müssen dennoch in "zwei Schichten" zelebriert werden, so Küf Kaufmann, „denn Mittlerweile haben wir 1048 Gemeindemitglieder". Damit diese sich auch außerhalb der Synagoge treffen können, soll in der Hinrichsenstraße bekanntlich das Ariowitsch-Heim zum Begegnungszentrum ausgebaut werden. Nach einem länger anhaltenden Rechtsstreit, den einzelne Anwohner, die gegen den Neubau des Gemeindezentrums waren, initiiert hatten, steht der Baugenehmigung und dem Bau des Zentrums nun nichts mehr im Wege.

M.O.