Im Dienst an der Menschheit: Leo Baeck - Leben, Wirken und Bedeutung

Dr. E. G. Lowenthal

Professor Eugen Täubler, Baecks Landsmann und guter Freund, hat, um Baecks geistige Herkunft verständlicher zu machen, seinen Geburtsort Lissa in der Grenzprovinz Posen nach der jüdischen Seite näher untersucht. Er hat dabei festgestellt, daß sich dort schon im 17. Jahrhundert jüdische Gelehrte aus Polen und Deutschland, aus Böhmen und Mähren zusammenfanden, daß sie ihre Schüler hatten und sich mit vielen religiösen Fragen, die die europäische Judenheit bewegten, auch gutachtlich befaßten. In Lissa wirkte von 1863 an Baecks Vater, der aus Mähren stammende Rabbiner und Historiker Dr. Samuel Bäck, der, wie Täubler es ausdrückt, „mit einem beide geistigen Bereiche umspannenden Wissen zu neuen kulturellen Formen überleitete“.

Mit 18 Jahren ging Leo Baeck, der bei seinem streng-religiösen Vater zu lernen begonnen hatte, ins benachbarte Breslau, um am dortigen konservativen Jüdisch-Theologischen Seminar sich auf den Rabbinerberuf vorzubereiten. Später, bis 1897, setzte er seine Studien in Berlin, an der Universität und an der liberaleren Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums fort,

d. h. an derjenigen Hochschule, an die er 1912 als Dozent für Homiletik und Midraschforschung berufen werden sollte. Dazwischen lagen zehn, auch wissenschaftlich erfüllte Amtsjahre in der liberalen Gemeinde im oberschlesischen Oppeln und fünf in Düsseldorf. Seit 1912 war Dr. Baeck mit der Berliner Jüdischen Gemeinde aufs engste verbunden. Er hat insbesondere hier lange gewirkt — dabei war er, in späteren Jahren, schon mit Rücksicht auf seine wissenschaftliche Lehrtätigkeit und seine ausgedehnten Verpflichtungen gegenüber vielen jüdischen Organisationen in Berlin und anderswo, von den regelmäßigen Seelsorgefunktionen weitgehend entbunden. Als Feldrabbiner erlebte er die West- und die Ostfront. Seine Berichte an das Berliner Jüdische Gemeindeblatt atmen den Geist der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit.

Schon lange bevor er im Herbst 1933 einstimmig zum Präsidenten der Reichsvertretung der deutschen Juden gewählt wurde, hatte er bereits jahrelang an der Spitze der Zentralwohlfahrtstelle der deutschen Juden gestanden. Als Präsident der B‘nai-B‘rith-Großloge für Deutschland war er von nachhaltigstem Einfluß auf die mehr als 100 Einzellogen, die es einst in Deutschland gab. Früh war er auch der Vorsitzende des Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland geworden. Er war im Vorstand des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, des Keren Hayessod und der Erweiterten Jewish Agency for Palestine. Und es gab keinen religiös-liberalen Zusammenschluß im Judentum, dem er nicht seinen Stempel aufgeprägt hätte. Konnte es da verwunderlich erscheinen, daß, als das Verhängnis hereinbrach und Not und Verzweiflung zu herrschen begannen, die Judenheit in Deutschland nicht einen versierten Politiker oder einen erfahrenen Juristen oder Verwaltungsbeamten an ihre Spitze berief, sondern Leo Baeck, einen bewährten Mann ihres Vertrauens, einen innerjüdisch seit jungen Jahren souverän unabhängigen Rabbiner, dem es um die Einheit der jüdischen Gemeinschaft ging und der Traditionsbewußtsein und Fortschrittsglaube in sich vereinte?

Er blieb auf diesem exponierten ehrenamtlichen Posten, auch als 1939 aus der demokratisch aufgebauten Reichsvertretung der deutschen Juden die von den nationalsozialistischen Machthabern aufoktroyierte Reichsvereinigung der Juden in Deutschland wurde. Er blieb, mit nur wenigen Kollegen, auch der Lehrer einer Handvoll angehender Rabbiner, bis im Juli 1942 auch die Hochschule — wie alle anderen jüdischen Schulen — zwangsweise geschlossen wurde. Er blieb, obwohl er wiederholt Gestapoverhöre über sich hatte ergehenlassen müssen und mehrfach in „Schutzhaft“ war und — obwohl auch er vor Kriegsausbruch in die westliche Welt hätte auswandern können — ich erinnere mich mit einigem Schaudern, wie er noch im Sommer 1939 im Auftrage jüdischer Spitzenorganisationen zu Konsultationen in London weilte, aber — hierher, in die Kantstraße 158, zur Reichsvereinigung, zum Rest der jüdischen Gemeinschaft in Berlin und in Deutschland zurückkehrte. Er war der „Judaeorum Defensor Nobilissimus“, wie ihn die Historikerin Selma Stern-Täubler posthum genannt hat, in Analogie zu dem spätmittelalterlichen Jossel von Rosheim, dem „edelsten Befehlshaber der Judenschaft im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation“.

Über die Umstände seiner letzten Verhaftung, die Anfang 1943 zu seiner Deportation nach Theresienstadt führte, liegt eine Aufzeichnung vor. Selbst in dieser Stunde der Gefahr verlor der 70-jährige weder seine Balance noch seine innere Würde. Über die Demütigungen, denen der Häftling mit der Nummer 187894 in Theresienstadt ausgesetzt war, über die schwere körperliche Arbeit, die er leisten mußte, hat Baeck, von kleinen Episoden abgesehen, höchst selten gesprochen. Über diese Zeit muß man bei dem Londoner Schriftsteller Hans Günther Adler, der aus Prag stammt, nachlesen. Aus eigenem Erleben hat Adler das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft dargestellt, wie sie Theresienstadt bildete, und darin Baecks Aufgabe und Leistung in diesem KZ beschrieben.

Baeck galt als Mittelpunkt eines sittlichen Widerstandes; er praktizierte und lehrte ihn, d. h. er verhielt sich so, wie sich seinen Begriffen nach ein Mensch immer und überall zu verhalten hat: gütig, wahrhaftig und wohlwollend ... „Die Menschen hatten das Gefühl“, so Adler an anderer Stelle, „nicht verlassen zu sein. Oft waren es die hochgehaltenen Mizwot (Gebote), die er nie vernachlässigte ...

Doch selbst von diesen reich gespendeten Beweisen unermüdlicher Sorge für einzelne wie für die Gesamtheit ging noch nicht so viel Wirkung aus wie von Baecks Tätigkeit als Rabbiner, Lehrer, Vortragender, als, um es mit einem Wort zu sagen, Erzieher seines Volkes, zu dem wir wie zu einem Vater aufblicken durften. Leo Baeck war für uns in Theresienstadt ... So waren wir nicht ganz verloren ...“

Insbesondere das Letztere bestätigt unser Freund Hans Erich Fabian, New York, in seinem Abriß über Theresienstadt in der Festschrift zu Baecks 80. Geburtstag. Darin zitiert er auch das, was Baeck über die wundersamen Umstände seines wunderbaren Überlebens geäußert hat — wundersam; denn selbst Eichmann hatte ihn längst totgeglaubt. Sein Überleben verdankte Baeck dem Zufall. Mitte 1945 war er mit seinen Angehörigen wieder vereint, in London. Wer da glaubte, er würde sich nun im wohlverdienten Ruhestand nur noch wissenschaftlicher Arbeit widmen, hatte sich getäuscht. Denn es dauerte nicht lange, bis Dr. Baeck fortfuhr, fast im alten Stil der Zeit vor 1943 zu leben und zu arbeiten. Bald rief er die Society for Jewish Study ins Leben, in der er und seine Kollegen in London so etwas wie eine Miniatur-Hochschule erblickten. Er nahm teil an der Arbeit der B‘ai-B‘rith-Logen und an der Bewegung für christlich-jüdische Verständigung. Er scharte um sich einen Kreis jüngerer, vorwiegend liberaler europäischer Rabbiner, und er übernahm, nicht nur nominell, den Vorsitz im „Council of Jews from Germany“, der zentralen Interessenvertretung der aus Deutschland ausgewanderten Juden, von der später auch die Anregung zur Gründung des Leo-Baeck-Instituts zur Erforschung der neuzeitlichen Geschichte des deutschen Judentums ausging. Nicht zuletzt bekleidete Baeck während seines ganzen letzten Lebensjahrzehnts das Ehrenamt des Präsidenten der Weltvereinigung für fortschrittliches Judentum, die er 1926 mitbegründet hatte. Und fast jeden Winter verbrachte er in Cincinnati, um als eine Art Gastprofessor am Hebrew College die Heranbildung liberaler Rabbiner aktiv und praktisch mitfördern zu helfen — wie er das aus seiner Berliner Zeit gewohnt war.

Während seiner ersten Amtszeit, der in Oppeln, schrieb Baeck sein Hauptwerk, das „Wesen des Judentums“, das seine theologische Reputation begründete und dem jungen Rabbiner früh Autorität verschaffte. 1905, als die erste Auflage erschien, war er 32 Jahre alt. Das Buch ist eine Auseinandersetzung mit Adolf von Harnack. Dieser bekannte protestantische Kirchenhistoriker hatte vor der Jahrhundertwende an der Berliner Universität aufsehenerregende Vorlesungen über das Wesen des Christentums gehalten, das er als die absolute Religion ansah. Das aus diesen Vorlesungen entstandene Buch erregte das Interesse des gebildeten deutschen Bürgertums, es rief Kritik und Verteidigung hervor, es wurde ein Bestseller. Um Baecks Entgegnung, die sich um des Judentums willen mit dem Christentum befaßt, zu kennzeichnen, nur diese kurze Bemerkung (ich bin kein Theologe): Für Baeck ist das Judentum die „klassische Religion“, die Religion der Tat, im Gegensatz zum Christentum, das für ihn die „romantische Religion“, die Religion des Gefühls ist.

Baecks Buch, historisch und philologisch begründet, systematisch angelegt und frei von jeder Polemik, fand auch im außerjüdischen Bereich große Beachtung. Es gibt den Hauptgedanken und den Grundlehren des Judentums Ausdruck. Es kämpft für die Anerkennung des Judentums und bringt die Anschauungen, die das religiös-liberale Judentum im Deutschland des 19. Jahrhunderts entwickelt hatte, in ein theologisches System. Das „Wesen des Judentums“ ist eigentlich Baecks einziges großes religionsphilosophisches Werk geblieben. Es hat viele Auflagen erlebt, auch manche Übersetzung, darunter eine ins Hebräische. Es hat in den vielen späteren Baeckschen Abhandlungen immer wieder Bereicherung und Weiterentwickelung erfahren.

In Theresienstadt hat Baeck — ohne Hilfe von Literatur und auf losen Zetteln niedergeschrieben, sein letztes Buch entworfen. Er nannte es „Dieses Volk — Jüdische Existenz“ und sucht darin Rechenschaft zu geben vom jüdischen Volk und vom jüdischen Leben im Rahmen der Völkergeschichte. Als eine Art theologischen Testaments ist es in den 50er Jahren in Frankfurt/M. erschienen. Meiner Meinung nach war Baeck eher ein Mann des Schreibens als ein Mann der Rede. Seine Bücher und Abhandlungen, und mag ihr zuweilen dichterischer Stil eigentümlich und eigenartig klingen und mag das, was er sagt, nicht immer ganz leicht verständlich sein, wirkten stärker als seine Predigten. Er war kein Kanzelredner, der auf Massen wirkte. Seine wissenschaftlichen Vorträge waren ein Genuß. Im Gespräch wurde er oft zum anregenden Erzähler. Da kamen sein breites Wissen, seine Lebenserfahrung, seine Erinnerungen an Menschen — und sein Kreis war weit und international -, auch seine Reiseerlebnisse zur Geltung. Er selbst aber blieb eher im Hintergrund, distanziert, um nicht zu sagen: anonym.

Er wandte sich gegen Verallgemeinerungen, er vermied Superlative. Wer ihn nicht näher kannte, mochte glauben, er neige leicht zum Jasagen, zum Ausgleich à tout prix. So sehr Baeck kompromißbereit sein konnte — er hatte einen gesunden sense of proportion, ein gutes Augenmaß, ein vorzügliches Unterscheidungsvermögen, das ihn in der Beurteilung differenzieren ließ zwischen wichtigen und nebensächlichen Dingen und, ebenso, zwischen charakterlich und beruflich wertvollen und belangloseren Menschen. Wo es darauf ankam, konnte er, bei aller Toleranz und Großzügigkeit, ablehnend in der Entscheidung, bestimmt im Urteil sein — und zum Kämpfer werden. Im Grunde war er, bei aller Güte und Freundschaft, die er ausstrahlte, außerordentlich anspruchsvoll. Daher auch der ungeheuere Respekt, den er mit seiner moralischen und geistigen Kraft seiner Umwelt eingeflößt und über sein Grab behalten hat. Neben seinem weiten und fundierten jüdischen Wissen kannte er seinen Kant und seinen Leibniz, er kannte seine Lehrer Hermann Cohen und Wilhelm Dilthey, er nahm gern auch ältere englische Philosophen wie David Hume und John Locke zur Grundlage seiner Ausführungen, er studierte zeitgenössische amerikanische Politik und amerikanische Denker. Im ganzen zeigte er eine ausgesprochene Schwäche für die anglo-amerikanische Geisteswelt, vielleicht wegen ihrer Nüchternheit und vielleicht auch wegen ihres eigentümlichen, trocknen Humors.

Mit der jüdischen Katastrophe in Europa war für Baeck, wie er das wiederholt ausgesprochen hat, die Epoche dessen, was deutsches Judentum bedeutete, zu Ende. Was er damit meinte, war die jüdische Gemeinschaft in Deutschland, die im Verlauf der rund 150 Jahre seit dem Beginn der Emanzipation im wesentlichen drei Errungenschaften zu verzeichnen gehabt hat: erstens die Begründung und Systematisierung der modernen Wissenschaft des Judentums, zweitens die Entwicklung der jüdischen Wohlfahrtspflege von der Armenfürsorge zur konstruktiven Sozialpolitik und drittens die Schaffung der Einheitsgemeinde. Aber gleichzeitig hat er immer wieder betont: Solange Juden in Deutschland lebten, müßten Jüdische Gemeinden bestehen, und sie sollten, so fügte er hinzu, so gut wie möglich sein und dürften sich nicht als von der jüdischen Welt draußen abgeschrieben betrachten. Und so hat er vom Jahr seiner Befreiung an sein persönliches und aktives Interesse an der Existenz der Juden und ihren neugegründeten Einrichtungen in diesem Land bekundet, und er ist, nachdem er Israel und andere Länder besucht hatte, erstmals wieder 1948 nach Westdeutschland gekommen. Dieser intensiven, dreiwöchigen Vortrags- und Informationsreise sind dann, fast Jahr für Jahr, kürzere Besuche gefolgt. Er nahm an Tagungen des Zentralrats der Juden in Deutschland hier in Berlin und in Düsseldorf teil und ergriff das Wort zu Fragen der Kultur­und der Sozialpolitik. Wir erinnern uns mit stolzer Freude, wie er noch 1954 in einer gemeinsamen Veranstaltung des Zentralrats, der Düsseldorfer Synagogengemeinde und des Münsteraner Institutum Judaicum Delitzschianum in höchst eindrucksvoller Weise Moses Maimonides zu dessen 750. Todestag würdigte. Er tat das in Anwesenheit auch von Bundespräsident Theodor Heuss, von Erich Ollenhauer und kirchlichen Würdenträgern. Und noch im Februar 1956, ein halbes Jahr vor seinem Tode, kam Baeck nach Frankfurt, um in der Universität die Loeb Lectures, die Vorlesungsreihen über jüdische Philosophie, Religion und Literatur, mit einem Vortrag „Revolution und Wiedergeburt“ feierlich zu eröffnen. Unvergessen sind seine mahnenden, weitschauenden Worte, mit denen er schloß: „Nicht durch seine Siege gewinnt ein Volk“, so sagte er damals, „und kein Volk stirbt an seinen Niederlagen.“ Innere Wiedergeburt entstehe aus sittlichen Quellen.

Indes, der Höhenflug seiner Gedanken beeinträchtigte niemals seine Bereitschaft, sich sorgfältig auch Problemen des täglichen Lebens zu widmen. Damals beschäftigte uns beispielsweise die Frage der Dauererhaltung der 1600 oder gar 1700 geschlossenen jüdischen Friedhöfe in der Bundesrepublik. Wegen der im jüdischen Religionsgesetz vorgesehenen Mindesterfordernisse hatten wir uns auch an ihn als Autorität gewandt. Prompt kam eine substantielle, richtungsweisende, hilfreiche Antwort; dabei erinnerte er beiläufig an die zuweilen romantische Beschaffenheit alter jüdischer Friedhöfe im Westen wie im Osten, und er gab seiner Auskunft noch einen künstlerischen Unterton, indem er auf das Bild des jüngeren Ruisdael „Der jüdische Friedhof“ verwies. Da sprach aus ihm der Realist, wie so oft. Bei all seiner Gelehrsamkeit und all seinem Denken in großen Zeiträumen kannte er die Welt. Man soll deshalb in Baeck, auch im Rückblick, keinen dem Erdenleben entrückten Heiligen sehen — eher einen Weisen. Er war auch Realist, wenn es z. B. um Fragen der Wiedergutmachung ging; da konnte er eindringlich, ja heftig an das öffentliche Gewissen appellieren und an eine Gesamtverantwortung: für ihn war Wiedergutmachung keine Sache des Geldes, sondern in erster Linie eine Sache des Rechts: „Wenn ich auf das Recht verzichte“, so erklärte er einmal, „verzichte ich auf mich selbst.“ Und als die Entschließung des Bundestages vom 27. September 1951 bekannt wurde, meinte er in seiner konzilianten, versöhnlichen Art: „Was in Bonn verheißen wurde, ist eine Antwort des Vertrauens, der Bereitschaft und des Willens zur Menschheit.“

Von sich selbst und dem Schweren, das auch ihm nicht erspart blieb, hat er wenig und selten gesprochen. Überhaupt ist er mit dem Wort „ich“ sparsam umgegangen. Nur wo es um das Ansehen und die Ehre der jüdischen Gemeinschaft ging, war er bereit, aus dem Hintergrund mehr ins Rampenlicht zu treten, in aufrechter Haltung, gemessen im Auftreten, knapp und sachlich in dem, was er sagte. Man denke an den feierlichen Augenblick, als er bei der Eröffnung des amerikanischen Repräsentantenhauses im Februar 1948 das Gebet sprach: In der Geschichte der Vereinigten Staaten war es das erste Mal, daß einem nicht-amerikanischen Rabbiner diese hohe Ehre zuteil wurde.

Äußeren Ehrungen, zu denen 1953, anläßlich seines 80. Geburtstages, der philosophische Ehrendoktor der Freien Universität Berlin gehörte, war er abhold. Im Vordergrund zu stehen, war ihm peinlich. In der Nachkriegszeit hat man ihm gelegentlich irrtümlicherweise Titel oder Berufsbezeichnungen beigelegt, die er nie besessen, geschweige denn geführt hat. So ist er weder der Oberrabbiner der Berliner Gemeinde noch der Direktor der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums gewesen. Richtig ist, daß er einer von mehreren Gemeinderabbinern und eins von mehreren Mitgliedern des Dozentenkollegiums der Hochschule war. Allerdings war er in allen diesen Ämtern eine Persönlichkeit von bemerkenswerter geistiger Unabhängigkeit und von starkem Einfluß.

Seine Bescheidenheit drückte sich auch im täglichen Leben aus. Sein Tagesablauf, wie er in den letzten zehn Jahren seines Lebens zu beobachten war, ob in London, in Cincinnati oder auf Reisen (ich selbst habe ihn mehrere Wochen begleiten dürfen), wich kaum von seinen Gewohnheiten ab, wie man sie von seinem langen Leben in Berlin her kannte. Baeck war einer der viel Beanspruchten, die stets Zeit hatten — für wichtige Angelegenheiten und für wesentliche Gespräche.