7. Jahrgang Nr. 3 / 30. März 2007 - 11. Nissan 5767

Aufbruch aus der Sklaverei

Rabbiner Dr. Joel Berger zum bevorstehenden Pessachfest 5767/ 2007

Das jüdische Pessachfest, das wir zwischen dem 15. und 22. Tag des jüdischen Monats Nissan (3. bis 10. April) begehen, steht an erster Stelle der biblischen Wallfahrtsfeste. Zur Zeit, als das Heiligtum in Jerusalem, der Hauptstadt des jüdischen Staates, noch bestand, pilgerten unsere Vorfahren mit ihren Opferlämmern aus allen Teilen des jüdischen Landes dorthin und manche sogar aus der Diaspora, nur um dieses Fest miteinander begehen zu können. Das Pessachfest setzt ein Denkmal der Natur des „gelobten Landes", denn um diese Zeit reift die Gerste im Heiligen Land. Zugleich ist es aber auch das Fest der Befreiung aus der Knechtschaft und die Geburtsstunde des jüdischen Volkes. Seit der Zerstörung unseres Heiligtums in Jerusalem im Jahre 70 n.d.Z. verlagern sich die Szenen des Pessachfestes in den häuslichen Bereich und in die Synagogen. Am feierlich gedeckten Tisch lesen wir aus der Haggada, die eigens für dieses Fest über Jahrhunderte, von vielen namenlosen und einigen namhaften Gelehrten zusammengestellt wurde und Episoden unserer eigenen Geschichte erzählt.

Die Haggada beinhaltet exegetische Anmerkungen zu der biblischen Geschichte des Auszuges unserer Vorfahren aus Ägypten. Neben der langen und wechselvollen Geschichte der Israeliten werden öfters kurze, charakteristische Episoden erzählt, wie diese: Es geschah einst, dass Rabbi Elieser und Rabbi Jehoschua, Rabbi Elasar ben Asarja, Rabbi Akiba und Rabbi Tarfon beim Pessachmahl in der Stadt Bne-Brak beisammen saßen. Sie waren allesamt Rabbiner, Schriftgelehrte. So mutet es nicht als Wunder an, dass sie während des Festmahls und auch nachher so intensiv, vertieft über den einstigen Auszug aus der Sklaverei der Ahnen diskutierten, dass sie gar nicht merkten, als der Morgen anbrach. Bis ihre Schüler vor ihnen standen und ihnen sagten: Meister, es ist Zeit das Morgengebet zu sprechen...

Wer könnte uns heute den Grund nennen, warum die Verfasser der Haggada diese Begebenheit verewigt haben. Vielleicht wegen der Zusammensetzung dieser erlesenen Tischgemeinschaft? Rabbi Elieser war eine anerkannte Autorität seiner Zeit gegen Ende des 1. Jahrhunderts nach unserer Zeitrechnung. Rabbi Jehoschua dagegen war ein einfacher Handwerker, ein Schmied, aber berühmt wegen seiner fundierten Tora-Kenntnisse. Rabbi Elasar ben Asarja war „adeliger" Abstammung. Rabbi Tarfon, der Gelehrte mit dem griechischen Namen, war Nachkömmling von Priestern des zerstörten Tempels in Jerusalem. Und schließlich Rabbi Akiba, der Schafhirte, ein anerkannter und mutiger Gelehrte. Es könnte aber auch eine Rolle gespielt haben, dass drei der genannten Meister keineswegs nur Theoretiker waren, sondern später auch aktive Widerstandskämpfer im Bar-Kochba-Aufstand gegen die Römer (im Jahre 132). Nach der Niederlage wurden sie von den Römern grausam hingerichtet.

Vor diesem historischen Hintergrund kann es möglich sein, dass die Gelehrten nicht nur die einstige Erlösung aus Ägypten erörtert haben, sondern auch die zukünftige Erlösung durch den Kampf gegen eine fremde Besatzungsmacht im Heiligen Land - gegen die Legionen Roms - und sie selbst ihre Schüler vor dem Haus postiert haben, um Wache zu halten und zu melden, wenn sich ein Legionär näherte. Und vielleicht war der Satz: „Meister, die Zeit des Morgengebets ist gekommen" nur ein Losungswort, dass eine Gefahr lauerte? War es so, dass der Aufstand gegen Rom in dieser Nacht vorbereitet wurde? Wer könnte das heute noch mit Sicherheit bestätigen? Die grausame Hinrichtung Akibas auf dem Scheiterhaufen durch die Römer scheint diese Vorstellung zumindest zu bestärken. Das Pessachfest lehrt, dass die Freiheit eines jeden Menschen und die Notwendigkeit der Befreiung eines jeden Unterdrückten am Bespiel der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei veranschaulicht werden sollte. Und daher lesen wir auch das Schriftwort zur Befreiung in der Haggada:

[...] Und wenn dich heute dein Kind fragen wird: Was bedeutet dieses Fest der Ungesäuerten Brote? So sollst du ihm sagen: Der Herr hat uns mit mächtiger Hand aus dem Haus der Knechtschaft geführt und uns befreit. (2.B.M. 13:14) Die Befreiung ist damit als Heilsgeschehen, als Ausgangspunkt zur Offenbarung am Berge Sinai zu verstehen. Und es soll alljährlich im Volksgedächtnis wachgerufen und vergegenwärtigt werden.