7. Jahrgang Nr. 3 / 30. März 2007 - 11. Nissan 5767

Der große jüdische Mäzen hat seine Bilder verlassen

Berliner, Jude, bedeutender Kunstsammler, Picasso-Freund, Weltbürger – Heinz Berggruen ist in Paris gestorben. Eines seiner letzten Interview gab er Zukunfts-Autorin Irina Leytus

Kein Mäzen oder Kunstsammler hat in Berlin und in Deutschland für mehr Aufsehen gesorgt als Heinz Berggruen, der am 23. Februar im Alter von 93 Jahren in Paris, seinem zweiten Wohnort neben Berlin, gestorben ist. Als Ehrenbürger Berlins war es sein ausdrücklicher Wunsch, in der deutschen Hauptstadt, die ihm so viel zu verdanken hat, seine letzte Ruhe zu finden. Vor gut zehn Jahren hatte der aus Berlin stammende jüdische Kunstsammler seine bedeutende Picasso-Sammlung seiner Heimatstadt überlassen. Er wird dem Museum Berggruen im Stülerbau am Charlottenburger Schloß und seiner Stadt Berlin fehlen. Wenige Wochen vor seinem Tod entstand dieses Interview.

Zukunft: Das Bild eines sich in Charlottenburg zur Ruhe gesetzten Rentner stimmt bei Ihnen wohl nicht ganz. Haben Sie auch „einen Koffer" in Paris?
Berggruen: Mehrere!

Gut, dann gehen wir nach Paris! Sie haben Berlin 1935 „nolens volens" in Richtung Amerika verlassen. Als amerikanischer Offizier kamen Sie 1947 nach Paris und entschieden sich, dort zu bleiben. Dort lernten Sie Picasso, der vor Franco geflohen war, kennen. Hat Sie Paris als „schönes Exil" mit Picasso „vereint"?
Berggruen: Oh nein, weder für ihn noch für mich war Paris Exil. Wir beide haben uns freiwillig für Paris entschieden. Übrigens bald nach unserem Kennenlernen verließ Picasso Paris und ging nach Südfrankreich.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Picasso?
Berggruen: Nach dem Krieg habe ich in Paris den Dichter und Dada-Mitbegründer Tristan Tzara kennen gelernt. Er wollte in meiner ersten, kleinen Pariser Galerie seinen neuen Gedichtband vorstellen. Die Gedichte waren von Picasso illustriert und deshalb brauchten wir Picassos Einverständnis dafür. Für mich war das eine ausgesprochen günstige Gelegenheit, Picasso überhaupt kennen zu lernen. Das war vor über 60 Jahren, damals war ich viel lebendiger...

Sie haben Picasso in die Augen geschaut und...
Berggruen: Genau so war das! Wir haben uns sofort verstanden. Außerdem schmeichelte es Picasso, wie genau ich seine künstlerischen Arbeiten kannte und verstand. Und von da an war die Tür für mich bei Picasso immer offen. Bis zu seinem Ende. Ich habe ihm oft in Mougins/Südfrankreich besucht und jedesmal musste ich „Falsche Picassos" mitbringen: Ich war damals als Kunsthändler schon ziemlich erfolgreich, und er war es gleichfalls als Maler. Das hatte zur Folge, dass seine Arbeiten immer wieder gefälscht und mir dann als „echte Picassos" zum Kauf angeboten wurden. Das hat Picasso sehr interessiert. Einmal hatte ich keinen „Gefälschten" dabei und er war darüber sehr enttäuscht: „Wie schade, dann muss ich selber mehr malen!" sagt er. Wir haben zusammen auch verschiedene Kunstbücher gemacht, was uns beide ungeheuer angeregt und inspiriert hat. Er war ein Genie. Und: Ich diente einem Genie.

Kannte Picasso ihre persönliche Geschichte?
Berggruen: Ja, vielleicht, aber darüber wurde nie gesprochen. Das hätte ihn, glaube ich, nicht sonderlich interessiert. Übrigens: Es wurde immer mal wieder behauptet, dass Picasso zumindest zum Teil auch jüdisch war. Das ist Unsinn! Ich bin Jude, bekenne mich zu meinem Judentum, bin aber nie religiös gewesen. Meine Eltern pflegten eine konventionelle bürgerliche Familientradition. Und die bestand darin, sich an zwei Feiertagen – Rosch Haschana und Yom Kippur –schön anzuziehen und in die Reformsynagoge zu gehen. Ich als einziges Kind musste natürlich unbedingt mit. Ich fand es ziemlich langweilig und im nachhinein doch sehr oberflächlich. Weder diese Synagoge noch mein Geburtshaus an der Konstanzer Strasse stehen heute noch.

1996 sind Sie mit ihrer großartigen Picasso-Sammlung wieder nach Berlin zurückgekehrt...
Berggruen: Ja, ich bin nach Berlin zurückgekehrt und ich lebe gerne hier. Aber ich würde sagen, mein Schwerpunkt ist Europa. Ich habe eine beinahe naive Vision: Ich möchte ein wirklicher Europäer sein. Wissen Sie, ich habe lange in Amerika gelebt und sogar in der amerikanischen Armee gedient, aber ich habe mich nie als Amerikaner gefühlt. Ich habe den amerikanischen Pass in den 70-er Jahren zurückgegeben und aus Bequemlichkeit wieder die deutsche Staatsangehörigkeit – angenommen. Aber ich würde lieber einen europäischen Pass besitzen. Darauf muss ich aber wohl noch ein Paar Jahre warten...