7. Jahrgang Nr. 3 / 30. März 2007 - 11. Nissan 5767

Auch mit 85 noch ein Energiebündel

Seit 20 Jahren ist Heinz Kahn Gemeindevorsitzender in Koblenz – jetzt feiert er einen bedeutenden Geburtstag

Sein Terminkalender ist voll und er spricht immer irgendwie viel zu schnell – vielleicht liegt das daran, dass Heinz Kahn soviel zu erzählen hat, zumal seine Geschichten gleichwohl ungeheuer spannend und lehrreich sind.

Kahn ist in April 1922 in der Nähe von Trier geboren. Er erlebt eine wohlbehütete und glückliche Kindheit mit seinen Eltern in der Kleinstadt Hermeskeil. Der Vater hat eine gut gehende Tierarztpraxis und Heinz besucht die beste Schule der Gegend. Bis 1936. Weil er Jude ist, gilt für Heinz – wie für so viele damals – von heute auf morgen das öffentliche Schulverbot. Daraufhin verlässt er, gerade einmal 14-jährig, sein Elternhaus, um in Frankfurt auf die jüdische Schule zu gehen. Dort wird er 1938 zunächst verhaftet. Doch es gelingt ihm, zu fliehen und fortan kann er sich durch verschiedene Arbeitsangebote vor weiteren Verhaftungen oder gar der Deportation retten.

Kahn arbeitet als Schlosser in einer jüdischen Werkstatt in Köln, als Helfer in einem Krankenhaus, in einem Hotel und in einer Ziegelfabrik in Trier. Seine Rettung ist zunächst sein Erfindungsgeist, den er erfolgreich in einer Brauerei anwenden darf. Es gelingt ihm, komplexe technische Produktionsabläufe der inzwischen zu einer Molkerei umgebauten Fabrik erfolgreich in Gang zu setzen. Zur „Belohnung" braucht er auf seiner Arbeitskleidung keinen Gelben Stern zu tragen. Die Fabrik liegt in Lothringen, nur 65 Kilometer vom Elternhaus entfernt. Jetzt wohnt Kahn wieder Zuhause und pendelt täglich nach Lothringen. Bis 1943. Er wird verhaftet. Doch auch hier hatte Kahn wieder Glück: „Als einziger wurde ich nicht durchsucht und konnte mit meinen Zigaretten 20 Mithäftlinge glücklich machen!" Die nächste Station seines Überlebenskampfes heißt Auschwitz. Heinz arbeitet in einer Eisenfabrik. Als er sich verletzt, landet er im Krankenbau. Von dort wird er in eine Schreibstube versetzt – allerdings ohne erleichterte Haftbedingungen, bis auf eine Ausnahme: Seine eigentliche Essensration aus dem Lagerblock wird 12 Monate lang zwischen seinen ehemaligen Kameraden aufgeteilt.

Heinz Kahn gehört zu den wenigen Lagerinsassen, die die Auschwitz-Befreiung 1945 erlebt haben. Die Familie des inzwischen 23-jährigen ist komplett umgekommen, sein Elternhaus ausgeraubt. Erst Jahre später bekommt er einige alte Praxismöbel des Vaters wieder zurück. Als ausgebildeter Schlosser kann Heinz sich zunächst über Wasser halten. Und jetzt, im Nachkriegsdeutschland, beginnt der zweite Teil seiner ungewöhnlichen Überlebensgeschichte.

Heinz Kahn geht nach Trier, wo er durch die Hilfe eines ehemaligen Mitarbeiters seines Vaters, im Arbeitsamt als einfacher Angestellter eine kleine Anstellung findet. Abends macht er sein Abitur nach. 1947 ist er Gründungsmitglied der Jüdischen Gemeinde Trier und wird als Abgesandter nach Berlin zum ersten Jüdischen Gemeindekongress geschickt. Berlin fasziniert ihn und er bleibt „hängen" und schafft hier sein Abitur. Anschließend studiert Kahn Tiermedizin an der Humboldt Universität. Mit dem Abschluss als Veterinärmediziner in der Tasche kehrt er Berlin den Rücken und lässt sich 1954 in Polch bei Koblenz nieder. Hier kommen nach und nach seine fünf Kinder zur Welt und heute kann der 85-jährige Jubilar auf ein erfülltes und erfolgreiches Leben zurückblicken – nicht nur als Tierarzt und Familienvater, sondern auch als Gemeindevorsitzender in Koblenz. Und das nunmehr seit 20 Jahren. Herzlichen Glückwunsch!

il