7. Jahrgang Nr. 3 / 30. März 2007 - 11. Nissan 5767

Anteilnahme und Entsetzen nach Anschlag auf Kita

Unbekannte warfen Rauchbombe in Chabad-Lubawitsch-Einrichtung – Aufruf zum Toleranz- und Solidaritätsgebet

Der 25. Februar war kein guter Tag für das jüdische Leben in Deutschland. Unbekannte warfen in der Nacht eine Rauchbombe in die Kita Gan Israel am Spandauer Damm in Charlottenburg. Die Bombe explodierte – zum Glück - nicht. Außerdem beschmierten die Täter Außenwände der Einrichtung und Spielzeug mit antisemitischen Parolen und Zeichen. Polizeibeamte entdeckten bei ihren Ermittlungen auch Hakenkreuzschmierereien an einer Galerie im Ruhwaldpark in der Nähe der Kita. Die Ermittlungen übernahm der polizeiliche Staatsschutz, Zeugenhinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen. Laut Polizeisprecherin Kerstin Häßelbarth gibt es bis heute keine „heiße Spur" zu den Tätern. Mittlerweile hat der Polizeipräsident eine Belohnung von 5000 Euro für Hinweise, die zur Erfassung der Täter führen, ausgesetzt.

Die Kita wird in Zukunft verstärkt von der Polizei bewacht werden. Auf die Bewachung anderer jüdischer Einrichtungen in Berlin wird der Vorfall aber keine Auswirkungen haben. Der Objektschutz für jüdische Einrichtungen in Berlin befinde sich bereits auf einem sehr hohen Niveau, sagte Häßelbarth. Eine generelle weitere Erhöhung sei weder möglich noch erforderlich. Der stellvertretende Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft (GdP), Michael Purper, kritisierte in diesem Zusammenhang, dass „Funkstreifendienst und Objektschutz personell bis an den Rand der Arbeitsfähigkeit ausgedünnt worden sind." Aufgrund des starken Personalabbaus sei es kaum möglich, alle gefährdeten Orte in Berlin umfassend zu schützen. Zurzeit sind in Berlin 1200 Objektschützer im Einsatz.

Der Anschlag sorgte im In- und Ausland für Anteilnahme. „Jeder Anschlag auf eine jüdische Einrichtung ist ein Anschlag auf unsere Demokratie", schrieb Bundeskanzlerin Angela Merkel an Rabbiner Yehuda Teichtal von Chabad Lubawitsch, der die Kita betreibt. „Für die lebendige und wachsende jüdische Gemeinschaft in Deutschland und in dieser Stadt werden wir heute und in Zukunft gemeinsam Sorge tragen", versprach Merkel. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, sagte: „Wir als katholische Kirche sind sehr sensibilisiert, wenn so etwas passiert." Lehmann äußerte Verständnis dafür, dass sich Juden angesichts solcher Vorfälle in Deutschland bedroht fühlten. Auch die israelische Botschaft und Menschenrechtsorganisationen verurteilten den Anschlag. Nach Ansicht der Berliner Grünen macht der Anschlag deutlich, dass die Präventionsarbeit gegen Rechtsextremismus nicht abgebaut werden dürfe. Die jugendpolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, Clara Herrmann, erklärte, der Senat müsse sich dafür einsetzen, dass die bisher aus dem Civitas-Programm geförderten Projekte gegen Rechts weiter vom Bund finanziert werden.

Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hat den Anschlag auf die Kita als "feige Tat" verurteilt. Es werde alles getan, um die Täter zu fassen. Auch das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf äußerte Empörung. „Anschläge wie dieser sind Angriffe gegen ein friedliches, demokratisches Miteinander unterschiedlicher Religionen und Kulturen in dieser Stadt", erklärte Jugendstadtrat Reinhard Naumann (SPD). Alle Bürger seien aufgefordert, insbesondere Antisemitismus im Alltag mit persönlicher Courage und aller Entschiedenheit entgegenzutreten.

Der Generalsekretär des Zentralrates der Juden, Stephan J. Kramer, forderte als Konsequenz aus dem Anschlag ein nationales Bildungskonzept. „Wir reichen Ihnen die Hand, wenn wir nach neuen Konzepten suchen", sagte Kramer an die Adresse zahlreicher Politiker, die wenige Tage nach dem Anschlag zu einem Toleranz- und Solidaritätsgebet in eine Synagoge in Berlin gekommen waren. Unter den Gästen waren auch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU), Ehrhart Körting, die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, sowie Vertreter des diplomatischen Corps.

Johannes Boie