4. Jahrgang Nr. 7 / 23. Juli 2004 - 5. Aw 5764

Arcady Fried und „seine“ Bibliothek

Mit viel Engagement zum Erfolg: Zuwanderer in leitender Position an der Berliner Gemeinde – ein Portrait

Von Irina Leytus

Muttersprache: russisch, Staatsangehörigkeit: israelisch, Wohnort: Deutschland. In seinem Deutsch hört man einen russischen Akzent, sein Russisch hat die hebräische Intonation übernommen. Was antwortet Arcady Fried auf die Frage, woher er kommt ? „Ich versäume nie, auf meine beiden Ursprünge hinzuweisen und sage deshalb: Ich bin ein Israeli, der ursprünglich aus der Sowjetunion stammt.“

Geboren wurde Arcady vor 57 Jahren in Riga und emigrierte „noch als sehr junger Mann“ nach Israel. Nach seinem Studium der Politikwissenschaften und Philosophie an der Hebräischen Universität in Jerusalem, arbeitete Fried in der renommierten Institution als wissenschaftlicher Mitarbeiter und war mit seinem „Los“ sehr zufrieden. Bis 1980 – aufgrund der angespannten Wirtschaftssituation und extremen Inflation in Israel, reichte sein Gehalt damals kaum noch aus, um die Miete zu bezahlen. Ein Jugendfreund überzeugte ihn davon, Israel zu verlassen und in Deutschland weiter zu studieren. Gesagt, getan: 1981 nahm Arcady an der TU Berlin zunächst sein Informatik-Studium auf, arbeitete dann auch dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Schließlich wurde ihm die Stelle als Leiter der Bibliothek der Jüdischen Gemeinde zu Berlin angeboten.

Wie kam der Doppelakademiker zu diesem interessanten Job-Angebot? Zum einen lag es an seiner „doppelten“ Qualifikation und der umfassenden „Allgemeinbildung“, zum anderen spricht Fried fließend Deutsch, Englisch, Russisch, Lettisch, Jiddisch und Hebräisch. In Berlin setzte er sich intensiver mit seinen jüdischen Wurzeln auseinander und wurde schließlich Gabaj in der Berliner Synagoge an der Joachimstaler Straße.

Seit 1988 nun leitet Fried die Berliner Gemeindebibliothek. Ihren Vorkriegsbestand - 100.000 Bände - hat die Bibliothek noch nicht wieder erreicht, ist jedoch mit ihren momentan 80.000 Büchern, Zeitschriften, Audio-, Video- und elektronischen „Bestandseinheiten“ die größte Einrichtung ihrer Art in Deutschland. Ein weiteres besonderes Merkmal der bedeutenden Sammlung ist ihre Viel-Sprachigkeit: Es gibt eine große Auswahl deutscher, hebräischer, englischer und russischer Werke.

In erster Linie soll die Gemeindebibliothek der jüdischen Lehre und Bildung ihrer Gemeindemitglieder dienen: Die Bestands-Palette ist weit gefächert und reicht vom religiösen Standardwerken bis hin zu modernen Studien und wissenschaftlichen Veröffentlichungen aller religiöser Richtungen. Eine umfangreiche Abteilung mit Biographien jüdischer Persönlichkeiten bietet dem Benutzer vielseitige jüdische Identifikationshilfen und ist außerdem - gerade durch ihre Vielfalt - höchst interessant. Auch andere Abteilungen - Psychologie, Soziologie oder Lyrik – können sich durchaus sehen lassen. Jüdische Geschichte und Kultur sind ein weiterer Schwerpunkt, von dem die Gemeindemitglieder profitieren können.

Aber eine Bibliothek wird nicht nur durch ihre Bestände geprägt, sondern auch durch die Menschen, die die Bestände erweitern, sie verwalten, die Leser beraten und bedienen. Das Team um Arcady Fried beseht aus vier festangestellten Mitarbeitern. Fried selbst hat die wichtige Aufgabe, die bescheidenen Mittel gerecht und ausgewogen in Neuanschaffungen zu investieren. Fachberatungen werden von ihm und drei weiteren Mitarbeiterinnen - Maria Iljina, Hadassa Voigt, Polina Wertun - angeboten. Die drei Damen sind auch für die Buchausleihe zuständig. Was den Lesern verborgen bleibt, ist die Arbeit rund um die Archivierung, Strukturierung und den physischen Erhalt des Buchbestandes.

Was für die Leser jährlich etwa 4500 Leser, zu denen nicht nur Gemeindemitglieder, sondern auch nichtjüdische Wissenschaftler und einfach Interessierte zählen, in der Fasanenstraße deutlich sicht- und spürbar ist: Es ist die Liebe zum Buch und der Respekt gegenüber den Menschen, die die Atmosphäre in der Bibliothek ausmachen.