7. Jahrgang Nr. 2 / 23. Februar 2007 - 5. Adar 5767

­­­Wieder zu Hause

In Gelsenkirchen wurde die neue Synagoge mit viel Prominenz und einen bunten Programm feierlich eingeweiht

Von Heide Sobotka

Erinnerung und Aufbruch, Schmerz und Freude beherrschen die Gefühle der 400 Ehrengäste bei der feierlichen Synagogeneröffnung in Gelsenkirchen Anfang des Monats. Erinnerung und Schmerz über die während der Naziherrschaft ermordeten Menschen und die geschändeten Bauten, Freude über den Bau des Gemeindezentrums und den Neuanfang. Unter den Gästen sind jüdische, christliche und muslimische Repräsentanten, Landes- und Kommunalpolitiker, Freunde, Unterstützer und Mitiniatoren des Synagogenneubaus sowie Vertreter der jüdischen Gemeinden aus Köln, Düsseldorf, Osnabrück und Bielefeld.

Vor 122 Jahren wurde an derselben Stelle ebenfalls eine Synagoge eröffnet. Wie an diesem 1. Februar 2007 waren auch damals Repräsentanten von Stadt und Land sowie Kirchenvertreter unter den Gästen. „Doch wie lange sollte diese positive Anteilnahme halten?", fragt die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch. „Und wie lange wird es heute dauern?" Doch sie sei zuversichtlich, sagt Knobloch optimistisch. Genauso wie die Gelsenkirchener Gemeinde und mit ihr die vielen jüdischen Zuwanderer, die ein tiefes Vertrauen in eine starke Demokratie zeigten, wenn sie eine Synagoge bauen. Zuversichtlich sei sie wie einst die aus den Konzentrationslagern heimkehrenden Juden, die die Gemeinden wieder aufbauten. Und an die Hauptorganisatorin des Neubaus, Judith Neuwald-Tasbach, gewandt, fügt Knobloch stolz hinzu: „Wir beide dürfen das Erbe unserer beiden Väter Fritz Neuland und Kurt Neuwald fortführen."

Eine kleine Gemeinde habe Gelsenkirchen 1989 gehabt, erinnert die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinden in Westfalen- Lippe, Hanna Sperling. Damals habe man nicht geglaubt, dass durch die Nazis scheinbar irreparabel Zerstörte wieder aufbauen zu können. Daran, wie bedroht die Gemeinschaft Ende der 80er Jahre war, kann sich auch der Düsseldorfer Rabbiner Julien Chaim Soussan erinnern. „Ich bin in einem kleinen Dorf im Schwarzwald aufgewachsen.

Der jüdischen Gemeinde gehörten nur wenige alte Menschen an. Synagogen wurden damals zu Museen. Und heute gibt es so viele jüdische Menschen, dass es wieder notwendig wird, ein Haus zu bauen", sagt Rabbiner Soussan. Er sei tief gerührt, heute in diesem wunderschönen Bau an der Einweihung teilhaben zu können. Er wünsche der Gemeinde Herz im Inneren und Herzlichkeit in der gesellschaftlichen Umgebung. Fawuk Ostrowiecki kann seine Rede kaum zu Ende führen. Verschämt trocknet der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen seine Tränen mit dem Taschentuch. Glück und Freude über die Einweihung des neuen Gemeindezentrums haben ihn überwältigt. Erleichterung, Erschöpfung sind an diesem Tag fast allen Beteiligten anzusehen - vor allem der Organisatorin des Baus, Judith Neuwald-Tasbach sowie den Architekten Benedikta Mihsler und Reinhard Christfreund, als sie dem Gemeindevorsitzenden den symbolischen Schlüssel für die Synagoge überreichen. „Ich stehe heute vor Ihnen und kann es noch gar nicht beschreiben, was unsere Gemeinde in den letzten Wochen und Monaten erlebt hat", sagt Judith Neuwald-Tasbach. Der emotionale Mix aus Freude, Glück, Dankbarkeit, Stolz ließen sich kaum in Worte fassen.

Er wünsche sich, dass mit der neuen Synagoge die jüdische Identität bewahrt, praktiziert und gestärkt wird, sagt der Gesandte des Staates Israel in Deutschland, Ilan Mor. Mit dem neuen Gemeindezentrum möge ein „Ort der Begegnung entstehen, der auch dem Austausch über die jüdische Religion und Kultur dient, das Gemeindeleben stärkt und nicht jüdische Besucher aus Ihrer Stadt, der Region und darüber hinaus, ansprechen und anziehen wird", betont Mor. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers sieht schon heute einen Teil dieses Wunsches erfüllt. Mit Blick auf die vielen Aufgaben der jüdischen Gemeinden habe die Landesregierung die Staatsleistungen vor Kurzem aufgestockt. 5,2 Millionen Euro hat der Bau im Herzen der Altstadt von Gelsenkirchen gekostet. Finanziert wurde er je zu einem Drittel vom Land Nordrhein-Westfalen, der Stadt Gelsenkirchen und der Jüdischen Gemeinde selbst. Entstanden auf dem Platz, wo vor etwas mehr als 68 Jahren die Synagoge niederbrannte, hat das jüdische Gemeindezentrum nicht nur städtebaulich, sondern auch gesellschaftlich in den Kern der Stadt zurückgefunden. „Juden suchen in Deutschland wieder eine Zukunft. Wirkt das nicht wie ein Wunder?", fragt Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch. „Ich glaube fest daran, dass es sich lohnt", betont sie. Die vielen Umarmungen, Glückwünsche, die Herzlichkeit an diesem Tag scheinen sie zu bestätigen.

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 6 vom 8.2.2007

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Synagogen in Nordrhein-Westfalen

Mit der neuen Synagoge in Gelsenkirchen gibt es im Ruhrgebiet nun fünf große jüdische Bethäuser – weitere stehen in Essen, Duisburg, Dortmund und Recklinghausen. Für kommenden Herbst ist die Eröffnung einer Synagoge in Bochum geplant, deren Richtfest bereits im vergangenen Dezember gefeiert wurde. Pläne, eine Synagoge zu bauen, gibt es zudem in Krefeld. Die jüdischen Gemeinden haben bundesweit derzeit rund 105.000 Mitglieder. Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es 19 Gemeinden mit mehr als 30.000 Mitgliedern. Im Jahre 1989 waren es noch knapp 5.000. Der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen gehören derzeit rund 430 Personen an.
Info: www.jg-gelsenkirchen.net.ms