7. Jahrgang Nr. 2 / 23. Februar 2007 - 5. Adar 5767

„Juden gehören zum Reichtum dieser Welt"

Bundespräsident Horst Köhler besuchte die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg

In der ehrwürdigen Alten Aula der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg sind alle 344 Plätze besetzt. Die Besucher erwarten mit Spannung den Besuch von Bundespräsident Horst Köhler. Eigentlich besucht das Staatsoberhaupt jedoch nicht die Universität, sondern die Hochschule für Jüdische Studien (HfJS). Der Zentralrat der Juden in Deutschland und HfJS-Rektor, Prof. Dr. Alfred Bodenheimer, hatten Köhler zu einer Diskussion mit den Studierenden geladen. Dass der höchste Vertreter des Staates seiner Einladung gefolgt ist, bedeutet für Bodenheimer „Anerkennung und Ermunterung" zugleich. Umso nahe liegender, dass er den Bundespräsidenten mit dem hebräischen Willkommensgruß: „Baruch haba - gesegnet sei, wer da kommt!" begrüßt.

Und Horst Köhler ist beeindruckt: „Ich bin ganz andächtig", gesteht er und hält einen Moment inne. Dann beginnt Köhler zu sprechen: „Ich bin froh für unser ganzes Land, dass wir wieder eine solche Einrichtung in unserer Mitte haben!" Die Institution bewahre, pflege und entfalte nun schon seit fast 30 Jahren jüdisches Leben und Denken. Den Zustrom zu den jüdischen Gemeinden in Deutschland wertete er als hoffnungsvollen Neuanfang: «Dass sie wachsen, ist ein Segen für unser Land.» Er beobachte erfreut, wie das Interesse am Judentum in Deutschland wächst. Gleichzeitig fordert er mehr Zivilcourage gegen «alte und neue Reflexe von Rassismus und mAntisemitismus» und spricht auch von der Trauer, die er angesichts der Vernichtung jüdischen Lebens während der Nazizeit empfindet. Köhler räumt ein, dass sich „die Träume von Unbefangenheit jüdischen Lebens in Deutschland noch immer an einer Wirklichkeit stoßen, in der es offenen und verdeckten Antisemitismus gibt". Köhler weiß: „Es muss noch viel geschehen." Dieser Satz könnte auch für das Neubauprojekt der HfJS gelten, die damit ihre bisher vier Standorte bündeln will. Auch dafür will Bodenheimer an diesem Tag werben und hat ihm beim Rundgang durch die HfJS das Neubauprojekt ausführlich erläutert. Die Pläne sind fertig, allein es fehlt das Geld.

In den Reihen der Alten Aula sitzt politische Prominenz, unter anderem der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und Vorsitzender des Kuratoriums der HfJS, Professor Dr. Salomon Korn, sowie der baden-württembergische Wissenschaftsminister Peter Frankenberg und der Heidelberger Oberbürgermeister, Eckhart Würzner. Doch die Hauptrolle sollen diesmal die Studierenden spielen. Rund 160 Studenten sind zur Zeit an der Hochschule eingeschrieben.

Zwei „Kommilitonen" haben Fragen für ein Podiumsgespräch mit dem Bundespräsidenten vorbereitet. Wie denn der Staat von den Geisteswissenschaften profitieren könne, will Studentin Stephanie Appel wissen. Köhler betont deren Bedeutung: „Was hält denn eine Gesellschaft zusammen - die Geisteswissenschaften, die Kultur!" Die Frage-Anwort-Rollen sind zunächst klar verteilt, doch plötzlich schert der Bundespräsident aus: „Wollen Sie Rabbiner werden?" fragt er den Studenten Vladislav Mitushenkov unvermittelt. Der junge Mann lacht und wiegelt ab: „Wer weiß. Vielleicht. Ich schließe gerade meine Jüdischen Studien ab." Köhlers beharrendes „Ich wünsche mir das!" sorgt für Gelächter im Saal. Jüdische Studien, ergänzt er, könnten zeigen, dass „Juden zum Reichtum dieser Welt gehören".

Die Studenten sind mit Köhlers Eingangsstatement sehr zufrieden, von der Diskussion haben sich etwas mehr erhofft. „Bei diesem Thema gibt es nur eine akzeptable Meinung", meint Hauptfachstudentin Sylvia Jaworski, „es ist ein bisschen ermüdend, dass sie immer so viel Raum einnimmt." Ihr Kommilitone Frank Brüggemann hätte sich gewünscht, dass Köhler sich zur Weltpolitik äußert, zum Beispiel zu den Drohungen Irans gegen Israel.

Wie zwei Drittel der Studierenden an der HfJS sind Jaworski und Brüggemann keine Juden. Der oft beschworene deutsch-jüdische Gegensatz sei im Studienalltag aber kein Thema. Die jungen Leute erkennen an, dass auch der Bundespräsident diese Abgrenzung wenig betont und eindeutig in Richtung Miteinander denkt. Das zeigt auch seine Antwort auf die Frage, was die Juden in Deutschland, von denen viele aus Osteuropa stammen, zur Gesellschaft beitragen könnten. „Sie sollen sich nicht instrumentalisieren lassen", mahnt Köhler, „ich wünsche mir, dass sie hier leben und arbeiten, die Schule oder auch die Universität besuchen, sich einfach wohlfühlen." Beatrice Maisch

Zukunft 7. Jahrgang Nr. 2
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