4. Jahrgang Nr. 6 / 25. Juni 2004 - 6. Tamus 5764

„Das Auto ist meine zweite Wohnung“

Wie Rabbiner Almekias-Siegl die Jüdischen Gemeinden in Dresden, Leipzig und Chemnitz betreut

Von Claudia Schade

Manchmal durchzuckt es ihn, und er fragt sich, ob er gerade in die richtige Stadt fährt. Montags Chemnitz, dienstags und donnerstags Leipzig, mittwochs Dresden. Wenn nichts dazwischen kommt. Der Terminkalender von Salomon Almekias-Siegl bietet kaum noch Platz für neue Verabredungen. In roter Schrift, gelber und grüner Markierung buhlen die Eintragungen darum, welche von ihnen die Wichtigste sei. Und wenn seine Sekretärin nicht wäre, die Almekias-Siegl noch einmal an die anstehenden Verpflichtungen erinnert, dann wäre der sächsische Landesrabbiner vielleicht schon einmal in die falsche Stadt gefahren.

Doch nun sitzt der 57-Jährige entspannt in seinem
Auto und fährt den 130 Kilometer langen Weg von Leipzig nach Dresden. 50.000 bis 60.000-Kilometer legt der fahrende Rabbiner, meist von seinem Hauptsitz in Leipzig aus, im Jahr zurück. „Das Auto ist meine zweite Wohnung“, sagt er. Geschuldet ist das seiner Verantwortung für drei Gemeinden. Die jüdische Gemeinschaft in Sachsen ist klein. Auf Leipzig, Dresden und Chemnitz sind 2100 Mitglieder verteilt. Hinzu kommt eine bescheidene finanzielle Situation. 95-Prozent der Gläubigen sind russischsprachige Zuwanderer. Die meisten von ihnen leben von der Sozialhilfe. Also teilt man sich einen Rabbiner.

Einmal jährlich trifft sich der sächsische Landesverband Jüdischer Gemeinden mit seinen drei Gemeindevorsitzenden, um die Termine abzustimmen. Die Schabbat- Gottedienste teilt sich Almekias-Siegl selbst ein, Feiertage machen die Vorsitzenden untereinander aus. „Gerangel gibt es manchmal schon“, gesteht er dann. „Schließlich will jeder die maximale Qualität für seine Gottesdienste.“ Mit der Amtseinführung von Almekias-Siegl 1998 hat sich eine schwierige Lage endlich entspannt. 60 Jahre lang hatte es keinen Rabbiner mehr in Sachsen gegeben. In der Dresdner Gemeinde konnten nur etwa zehn Gottesdienste pro Jahr gehalten werden. Jetzt sind es annähernd 40.

Salomon Almekias-Siegl bemüht sich, sein Engagement gerecht auf die drei Standorte zu verteilen. So verbringt er an zweitägigen Festen je einen Tag in einer Gemeinde und sucht Ersatz für die Gemeinschaft, die leer ausgeht. Und wirbt um Verständnis, wenn er eine Sprechstunde wegen einer Beerdigung in einer anderen Gemeinde verschieben muss. In allen drei Gemeinden gestaltet er Gottesdienste, hält Vorträge, wirbt bei Podiumsdiskussionen um Verständnis für das Judentum, besucht Kranke, führt durch Synagogen und klärt in Schulen über Geschichte, Tradition und Riten des Judentums auf.

Er saß neben Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee, um mit Anwohnern des neu zu bauenden Gemeindezentrums zu diskutieren. Unlängst gab er Studenten der
Hochschule für bildende Künstein Dresden eine Einführung in das Judentum. Vor einer Woche diskutierte er mit Professoren der Leipziger Universität öffentlich über Weltreligionen, und vor wenigen Tagen war er in ähnlicher Mission in Plauen. „Ich nehme die externe Arbeit sehr ernst“, sagt er. „Ich will im Dialog öffnen.“

Jeden Montagabend liest er, um Anregungen für seine Predigten zu finden. Bis mittwochs hat er sich für ein Thema entschieden, donnerstags arbeitet er es aus. In weniger als drei Jahren hat er es außerdem geschafft, in Judaistik zu promovieren. Woher nahm er die Kraft? „Wenig Schlaf. Die Energie ist zu stark.“ Das nächste Projekt ist die Habilitationsschrift.

In seiner Arbeit muss sich der reisende Rabbiner, der sich eher als orthodoxer Jude begreift, auf verschiedene Mentalitäten in seinen Gemeinden einstellen. Die Leipziger und Chemnitzer seien eher traditionell, die Dresdner hingegen liberal. „Das muss ich respektieren.“

Möglich ist das Wirken an drei Standorten nur durch enge Abstimmung mit den jeweiligen Gemeinden. Dort werden Termine für die Sprechstunden vereinbart, zu denen jeweils bis zu zwanzig Ratsuchende kommen. Der Landesrabbiner arbeitet daran, Laien für die Durchführung der Gottesdienste zu schulen, damit diese auch stattfinden können, wenn er nicht da ist. Salomon Almekias-Siegl ist zufrieden mit seiner Aufgabe. Die Wertschätzung, die man ihm entgegenbringt, rechtfertige die vielen Fahrten allemal, sagt er. „Man ist hier stolz auf die drei sächsischen Gemeinden.“