7. Jahrgang Nr. 1 / 26. Januar 2007 - 7. Schwat 5767

Tödliche Medizin

Hygiene-Museum Dresden zeigt Sonder-Ausstellung über Rassenwahn der Nationalsozialisten

Ulf Meyer

Schon in den "Goldenen Zwanziger Jahren" wollten Humangenetiker auf der ganzen Welt erforschen, wie man "im Erbgut des Menschen Krankheiten ausmerzen und dadurch das Volk gesunden lassen" kann. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gipfelten die wissenschaftlichen Studien in dem kaltblütigen Mord an mehr als 200.000 behinderten Menschen und mehr als 400.000 Opfern, die zwangssterilisiert worden sind. Diese im Namen der NS-Rassenideologie begangenen Verbrechen des „Euthanasie"-Programms werden derzeit im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden in einer eindringlichen Ausstellung unter dem Titel "Tödliche Medizin. Rassenwahn im Nationalsozialismus" präsentiert.

Schon der Ausstellungsort selbst schlägt einen bitteren Bogen zum Ausstellungsthema: Denn das Deutsche Hygiene-Museum hatte die „rassenhygienischen Programme" der Nazis einst vorbehaltlos unterstützt und propagiert. Das Museum, das 1912 von dem Dresdner Odol-Fabrikanten Karl August Lingner als „Volksbildungsstätte für Gesundheitspflege" gegründet wurde, stand während der Naziherrschaft im Dienst der nationalsozialistischen Rassenideologie.

Das Dresdner Museum hat die Schau vom United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington D.C. übernommen. Es ist das erste Mal, dass das USHMM eine seiner Ausstellungen in Europa präsentiert. In den USA und Kanada haben bereits 720.000 Besucher die beeindruckende Ausstellung gesehen.

Über 400 Exponate hat die amerikanische Kuratorin Susan Bachrach für die 900 Quadratmetern große Ausstellung zusammengetragen, zusätzlich wird die Schau durch Tagungen und Bildungsarbeit für Kinder und Jugendliche ergänzt – es gibt u.a. theaterpädagogische Projekte, Zeitzeugengespräche und Lesungen. Angesichts der erschreckenden Rechtsextremen Tendenzen in Deutschland versteht sich die Dresdner Ausstellung mit ihren verschiedenen Themenräumen auch als „Aufruf für Demokratie, Toleranz und Menschlichkeit".

Zu sehen sind erschütternde Dokumente einer Ideologie, die in der gezielten Vernichtung von „lebensunwertem Leben" gipfelte. Ärzte und Erbforscher sollten die "Überlegenheit der arischen Herrenrasse" belegen und legten detailliert dar, welche „Einsparungen" sich erzielen lassen, wenn geistig behinderte Menschen nicht mehr ernährt werden müssten, wenn man sie stattdessen „desinfizieren" - sprich töten - würde. Auf einem Poster ist ein Hüne zu sehen, der unter der Last zweier Männer auf seinem Rücken leidet: „Hier trägst Du mit - Ein Erbranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50 000 Reichsmark" heißt es provokativ auf dem Poster. Die „arische Rasse sollte rein gehalten werden von Slawen, Juden und lebensunwerten Volksgenossen": Die Ermordung "erblich minderwertiger" Menschen, wurde – zynisch - als "Gnadentod" verbrämt. Zu den traurigsten Exponaten der Schau gehören Fotos, die psychiatrische Patienten in Weißrussland kurz vor ihrer Vergasung oder eine junge Frau mit Kind kurz vor einer Massenerschießung in Lubni (Ukraine) zeigen.

Die Schau, die bereits von mehr als 45 000 Besuchern gesehen worden ist, belegt, wie der Weg von der Ideologie der Rassenlehre zum Völkermord führte, von der „Erbgesundheit" zur „Endlösung der Judenfrage", die im letzten Teil der Ausstellung thematisiert wird. Für viele Protagonisten und Forscher des Rassenwahns ging nach dem Zweiten Weltkrieg ihre wissenschaftliche Karriere sogar uneingeschränkt weiter. Sie lehrten und forschten an angesehenen wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland.

Die Ausstellung "Tödliche Medizin" ist noch bis zum 24. Juni 2007 in Dresden zu sehen (für Kinder erst ab 12 Jahren in Begleitung Erwachsener empfohlen). Für Schüler gibt es Führungen auf Deutsch, Englisch, Französisch, Tschechisch und Polnisch. Weitere Informationen finden Sie im Internet unter:
www.dhmd.de