7. Jahrgang Nr. 1 / 26. Januar 2007 - 7. Schwat 5767

Mizwa in der Arbeitszeit

Gelungene Integration: Der Arzt Boris Hoz hat nicht nur in kürzester Zeit Deutsch gelernt, heute führt er auch die rituellen Beschneidungen im jüdischen Krankenhaus aus.

Von Irina Leytus

Der Beruf des Arztes ist aus jüdischer Sicht privilegiert. Sich für Menschen, ihr Leben und Wohl einzusetzen, gilt als Mizwa – als eine gute Tat, die belohnt wird. Um wie viel mehr „punkten" kann ein Chirurg, der sich neben seiner normalen ärztlichen Tätigkeit im Jüdischen Krankenhaus auf Beschneidungen spezialisiert hat: Boris Hoz, keine 40 Jahre alt, hat als jüdischer Chirurg diese ehrenvolle Aufgabe übernommen.

Das Besondere daran: erst vor 14 Jahren kam der in Riga geborene und dort ausgebildeter Arzt nach Deutschland. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Innerhalb eines Jahres schaffte er es, seine Sprachkenntnisse auf das für den Beruf notwendige Niveau zu bringen. Von 14 bis 20 Uhr lernte er am Goethe-Institut die „Theorie " der Sprache und davor – ebenfalls täglich – von 7 bis 13 Uhr die praktische und fachspezifische Sprache, als Gastarzt am Jüdischen Krankenhaus. Schon ein Jahr nach der Einwanderung bekam er eine Stelle als Assistenzarzt.

Boris selbst erklärt sich seinen Erfolg mit der Sprache damit, dass er so frisch nach der Uni „gut in Form" war: „Wenn Du in sechs Jahren für 60 Prüfungen lernen musst, hast Du danach die Methodik immer noch drauf". Zudem bot sein Englisch eine gute Basis und Ärzte haben es durch das fachspezifische Latein ohnehin etwas leichter mit dem Lernen von neuen Sprachen..

Aber damit nicht genug. Fünf Jahre später promoviert Boris an der Humboldt Universität Berlin. Auch hier übt er sich in Bescheidenheit. Bei diesem Schritt unterstützte ihn sein damaliger Chefarzt Dr. Uri Schachtel. „Herr Schachtel war für mich wie ein Vater: fordernd und fördernd". Viele lobende Wörter findet Boris auch für seinen Doktorvater, den iranisch-deutschen Chirurgen, Professor Dr. Moazami-Goudarzi, der viel Geduld und Verständnis für den voll berufstätigen jungen Arzt zeigte. Und seine Dissertation hat den letzten sprachlichen Schliff von der Ehefrau des Chefarztes, Helga Schachtel, höchstpersönlich bekommen.

Uri Schachtel war derjenige, der dem jungen Arzt sowohl das Fach Chirurgie nah - als auch die Beschneidung nach jüdischen Ritus beibrachte. Und als sich der Chef vor etwas zwei Jahren von seiner chirurgischen Tätigkeit verabschiedete, übernahm Dr. Hoz von ihm den inoffiziellen Titel des beschneidenden Arztes. Anfragen für die Beschneidung im Jüdischen Krankenhaus kommen nicht nur aus Berlin und nicht nur von Juden. Dr. Hoz führt dann zunächst ein intensives vorbereitendes Gespräch mit den Eltern. Selbstverständlich dürfen Väter und Mütter der Kinder im Operationssaal dabei sein.

Routine? Von wegen! Vor jeder Beschneidung spricht Dr. Hoz die Bracha. Nach der Halacha darf und muss eine Beschneidung sogar am Schabbat durchgeführt werden, wenn der achte Lebenstag des Jungen auf einen Schabbat fällt. Auf die Frage, ob sich seine Tätigkeit im Krankenhaus am Schabbat von den anderen Tagen unterscheidet, verwies Boris Hoz er auf die Arbeitszeiten in israelischen Krankenhäusern – auch dort wird am Schabbat gearbeitet. Das weiß er nicht von ungefähr, denn sein Vater, Dr. Emanuel Hoz, der kurz nach der Ausreise von Boris nach Berlin, mit dem Rest der Familie nach Israel emigriert war, arbeitet als Urologe im Barzilai-Krankenhaus in Aschkelon. Ebenfalls in seinem alten Beruf, ebenfalls schnell wieder eingestiegen – ein Familienphänomen?

Boris will nichts von „lobenden Gesängen" hören und schaut lieber nach vorn: er möchte sich auf dem Gebiet der Laparoskopie, der so genannten Schlüssellochchirurgie spezialisieren: „Das ist Medizin von morgen: ein schonender und sehr eleganter Eingriff. In dieser Richtung will ich mich weiter qualifizieren!"