7. Jahrgang Nr. 1 / 26. Januar 2007 - 7. Schwat 5767

Er ist „einer von ihnen"

Rabbiner im Portrait: Rabbi Michail Kogan versteht die Zuwanderer in seiner Düsseldorfer Gemeinde

„Er lernt", sagt seine Übersetzerin, „er lernt Deutsch so oft er kann. Aber er hat einfach nicht genug Zeit." Michail Kogan ist ein viel beschäftigter Mann. Zwei Jahre lebt Kogan erst in Deutschland, er versteht fast alles, aber noch kann der 56-jährige selbst kaum Deutsch sprechen. Ende diesen Monats wird sein Vertrag bei der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf um zwei weitere Jahre verlängert. Hier wird Michail Kogan, der Rabbiner Julian Chaim Sossan und dessen Assistenten, Vladimir Kaplan, unterstützt, dringend gebraucht: Rund 6500 russischsprachige Juden gibt es im Einzugsgebiet der Gemeinde, und in Düsseldorf ist man froh, dass Michail Kogan einer von „ihnen" ist. Er versteht die Zuwanderer, und – viel wichtiger noch – sie fühlen sich auch von ihm verstanden.

Kogan ist 1950 in der moldawischen Großstadt Bender zur Welt gekommen. Sein Vater, ein Geschäftsmann im Baugewerbe und seine Mutter haben bereits einen älteren Sohn, Michail Kogans Bruder Shlomo. In der Sowjetunion war den Eltern – wie allen anderen Juden auch – die Ausübung ihrer Religion nicht möglich. Nur sein alter Großvater habe fast trotzig am Judentum festgehalten, erinnert sich Kogan. Der alte Mann brachte seinem Enkel die elementaren Grundlagen des Judentums bei. Seit damals findet Michail Kogan, dass ein Jude einmal nach Israel reisen sollte.

Doch nachdem er die Schule beendet hatte, zog Michail Kogan mit 17 Jahren erst einmal in die weite Welt des Sowjetreiches. Er beginnt in St. Petersburg zu studieren, und arbeitet im Anschluss drei Jahre in seinem erlernten Beruf als Diplom Ingenieur. Aber Kogan wird nicht glücklich. Er fühlt sich zu kreativ für den Ingenieurs-Beruf und obwohl ihm sein Studium Spaß gemacht hat, beschließt er, noch einmal neu anzufangen. Schließlich studiert er Regie in Moskau, reist quer durch Russland und inszeniert viele große Theaterstücke. Während einer Inszenierung verliebt sich Kogan in eine seiner Schauspielerinnen, Natalia. Die beiden heiraten 1977 und in den folgenden Jahren kommen die Töchter Rita (heute 29) und Sofie (heute 20) zur Welt.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion macht sich Kogan an die Verwirklichung seines Kindertraumes. Mit seiner betagten Mutter, seinen beiden Töchtern und seiner Frau zieht er nach Israel. Die Fortsetzung seiner Karriere als Regisseur scheitert zwar im gelobten Land, aber trotzdem hat er das Gefühl, endlich angekommen zu sein. Die tiefe Verbindung zur Religion, die er in Israel spürt, lässt ihn schließlich ein drittes Mal zum Studenten werden: Michail Kogan wird Rabbinatsanwärter am konservativen Schechter-Institut in Jerusalem. Am Ende seines Studiums lernt er dort den Vorsitzenden der orthodoxen Düsseldorfer Gemeinde kennen, der in Israel nach einem konservativen oder orthodoxen Rabbiner sucht. Michail Kogan ist der richtige Mann – und zieht nach Deutschland.

Johannes Boie