7. Jahrgang Nr. 1 / 26. Januar 2007 - 7. Schwat 5767

Fremdenfeindlichkeit hat Hochkonjunktur

Heitmeyer-Studie „Deutsche Zustände" 2006 kommt zu erschreckendem Ergebnis: Jeder Zweite ist anfällig

Einer neuen Studie des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld zufolge ist knapp die Hälfte der Deutschen fremdenfeindlich eingestellt. Die Studie „Deutsche Zustände" zur „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" unter Leitung des Soziologen Wilhelm Heitmeyer läuft seit 2002 und ist auf zehn Jahre angelegt.

1740 Bundesbürger ohne Migrationshintergrund wurden von Heitmeyer und seinen Mitarbeitern im vergangenen Jahr zu ihren Einstellungen gegenüber Ausländern, Muslimen, Juden, Obdachlosen, Behinderten und Homosexuellen befragt. Die Forscher haben Belege dafür gesammelt, dass die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Dabei sei Fremdenfeindlichkeit in ländlichen Gebieten stärker verbreitet als in Städten; in Gegenden, in denen kaum Ausländer leben, stärker als in solchen mit hohem Ausländeranteil, im Osten stärker als im Westen Deutschlands.

Damit widerspricht die Studie den kürzlich veröffentlichten Erhebungen der Friedrich-Ebert- Stiftung, die in Westdeutschland eine höhere Ausländerfeindlichkeit festgestellt hatte als im Osten des Landes. Die geringste Fremdenfeindlichkeit findet sich der Studie zufolge mit 37 Prozent in Berlin.

Der Politologe Klaus Schroeder von der Freien Universität Berlin hatte der erwähnten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung vorgeworfen, politisch motiviert, von suggestiver Fragemethodik und damit unseriös zu sein. Auch gegenüber der Bielefelder Studie könnte solche Kritik laut werden. Denn als Beleg für Fremdenfeindlichkeit gilt darin schon die Verneinung der Frage, ob der Islam eine „bewundernswerte Kultur" hervorgebracht habe.

Als menschenfeindlich wurde etwa auch ausgelegt, Obdachlose als „unangenehm" zu empfinden, was 33 Prozent der Befragten tun. Doch damit ist noch nicht gesagt, ob diese 33 Prozent autoritäre Maßnahmen oder nicht vielmehr Hilfsangebote für Obdachlose befürworten.

In einem Radiointerview versuchte Heitmeyer, möglicher Kritik entgegenzuwirken: Es gebe, so der Wissenschaftler, kein „objektives Maß" für Fremdenfeindlichkeit, die Prozentzahlen an sich sagten wenig aus, man müsse als Sozialforscher immer dazu sagen, was genau man als Fremdenfeindlichkeit definiere und welche Fragen gestellt worden sind. Solcher Definitionsbedarf scheint besonders beim Thema Antisemitismus zu bestehen.

Die Heitmeyer-Studie verzeichnete seit 2002 einen Rückgang dessen, was sie als „klassischen" Antisemitismus bezeichnet (im Unterschied zum „neuen" Antisemitismus, der sich als Israelkritik ausgibt), von knapp 22 Prozent auf 14.

Dieser „klassische" Antisemitismus drücke sich in Einstellungen aus wie zum Beispiel, dass Juden in Deutschland zu viel Einfluss hätten oder durch ihr eigenes Verhalten eine Mitschuld an ihrer Verfolgung trügen. Doch nach dem Libanonkrieg stiegen die Werte wieder auf den Stand von 2002.

Der Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Antizionismus wurde in der Studie noch nicht ausreichend erforscht. Dabei hatten 2003 in einer Umfrage 65 Prozent der Deutschen angegeben, dass sie Israel für die größte Gefahr für den Weltfrieden hielten. Oft werden auch Juden weltweit für die Politik Israels verantwortlich gemacht. Ingesamt zeigte sich Heitmeyer überrascht über den Wiederanstieg des klassischen Antisemitismus: Dieser „dürfte eigentlich gar nicht sein". Zur Verbindung zwischen Antisemitismus und Antizionismus wolle er mit seinen Mitarbeitern weiter forschen und 2007 eine neue Studie vorlegen.

Ingo Way
Aus Jüdische Allgemeine Nr. 51 vom 21.12.06