Von Irina Leytus
Klein, aber fein ist die Stadt, klein und fein ist auch die jüdische Gemeinde: Die 240.000 Einwohner zählende Stadt Braunschweig ist tausend Jahre alt und war bis 1946 als Herzogtum und selbstständiger Stadt-Staat ihr „eigener Herr“. Trotz der wunderschönen Altstadt und des vielseitigen kulturellen Angebots konnte sich die zweitgrößte Stadt Niedersachsens, die auf dem Weg von Hannover nach Berlin knapp vor der ehemaligen innerdeutschen Grenze liegt, vor der Wende nicht über viele Besucher freuen. Nun soll Braunschweig seine „Renaissance“ erleben: Im Jahr 2010 soll sie Kulturhauptstadt Europas sein.
Sowohl eine große
Vergangenheit, als auch eine reichhaltige Gegenwart sind für die hiesige
jüdische Gemeinde bezeichnend. Das jüdische Leben florierte in Braunschweig
seit dem Mittelalter - inzwischen leben dort wieder 200 jüdische Menschen. Sie
haben alles, was eine jüdische Gemeinde für ein vielseitiges Leben haben muss:
eine Synagoge, ein Gemeindehaus, einen Friedhof, eine Bibliothek, eine koschere
Küche und sogar einen „eigenen“ Rabbiner. Seit August 2002 amtiert hier Jonah
Sievers. Der 33-jähirge Hannoveraner hat sein Rabbiner-Studium am
Leo-Baeck-College in London absolviert. Seine Smicha hat der Zentralrat der
Juden in Deutschland mit einem Stipendium unterstützt. Und die Rechnung ging
auf: Schon während des Studiums hat Sievers die Gemeinde einmal im Monat
betreut und sich mit ihr „angefreundet“. Aber auch damals war die kleine
niedersächsische Gemeinde nicht ohne geistige Führung. Im Jahr 1995 stellte sie
– als erste Gemeinde in Deutschland nach der Shoah – eine Frau als Rabbiner
ein. Die aus der Schweiz stammende Bea Wyler betreute neben Braunschweig auch Oldenburg.
Von Mitte der Neunziger Jahre an stieg die Mitgliederzahl in Oldenburg so
rasant an, dass Frau Wyler, die übrigens nach neun Jahren nun wieder in ihre
Heimat zurück gekehrt ist, die Doppelbelastung nicht mehr bewältigen konnte. So
hatte der Vorstand schließlich die Lösung mit Hilfe von Rabbiner Sievers
gefunden.
Die Gemeinde Braunschweig bezeichnet sich als konservativ in religiösen Fragen. Sicher hätte einen streng orthodoxen Juden damals eine Rabbinerin auf der Bima abgeschreckt, und die Gemeinde wäre fälschlicherweise in die „liberale Schublade“ gesteckt worden. Wyler's Nachfolger Sievers, der in einem „Reform“-College ausgebildet worden ist, führt den Minjan heute noch so, wie es sich die Gemeinde unter Frau Rabbiner Wyler angewöhnt hat: Frauen und Männer beten in einem Raum, Frauen tragen – wenn sie es wünschen - Kipa und Talid und werden zur Thora aufgerufen. Der Gottesdienst folgt einem konservativen Ritus und ist zu neunzig Prozent auf Hebräisch. Die Predigt des Rabbiners wird simultan ins Russische übersetzt, für die Mitglieder, die aus aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion kommen.
Sowohl die Kontinuität im religiösen Bereich, als auch der starke
Zusammenhalt, der die Gemeindemitglieder über die Jahre verbindet, sind für
die langjährige Gemeinde-Vorsitzende Renate Wagner-Redding
ein wertvolles Gut, das sie unbedingt erhalten möchte.
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