6. Jahrgang Nr. 12 / 15. Dezember 2006 - 24. Kislew 5767

Die Geschichte vom Öl-Wunder

Rabbiner Dr. Joel Berger über Ursprung und Bedeutung vom Lichterfest Chanukka

Chanukka, das jüdische Lichterfest, das wir in den trüben Wintertagen feiern, ist gleichermaßen ein Gedenkfest der Freiheit des Gewissens und der Weiterentwicklung des Judentums gegen Ende der biblischen Zeit.

Der damals Politik und Kultur beherrschende Hellenismus wollte die freie Ausübung der Riten der jüdischen Lebensform verbieten. Die Israeliten entfalteten dagegen unerwartet starken Widerstand. Die Priester des Heiligtums sowie zahlreiche einfache Handwerker und Landwirte stärkten das anfangs winzige Heer in seinen Kämpfen. Ihre Gegner waren kampferprobte Soldaten der syrisch-makedonischen Armaden. Dennoch gelang es den Aufständischen nach harten Jahren des Kampfes, Jerusalem mit seinem Heiligtum zurückzuerobern.

Nach ihrem Einmarsch betrachteten es die Befreier als ihre vornehmliche Pflicht, den Tempel auf dem Tempelberg zu reinigen, um ihn wieder für den täglichen G-ttesdienst einweihen zu können. Diese Einweihung des Altars heißt auf Hebräisch: Chanukkat Hamisbeach - Weihe des Altars. Somit bedeutet „Chanukka" soviel wie Tempelweihe.

Und dennoch sind die Ereignisse dieses jüdischen Freiheitskampfes Jahrhunderte lang in Vergessenheit geraten - so, als ob sich die jüdische Nachwelt nicht daran erinnern wollte. Wenn die Historie - und vor allem die jüdische Geschichtsschreibung - nur aus hebräischen Quellen hätte schöpfen können, so würden wir nicht einmal das Wort „Makkabäer" kennen. Jene hebräische Bezeichnung für die Freiheitskämpfer, die heute sogar oft als Namen für viele jüdische Sportvereine, nämlich „Makkabi" dient.

Über den langen heroischen Kampf um die Freiheit und Unabhängigkeit des jüdischen Landes berichtet der Talmud, die Schatzkammer der nachbiblischen jüdischen Literatur, ledig an einer Stelle: Dort wird von der Wiederinstandsetzung des Altars, dem Anzünden des Tempelleuchters - der Menora - berichtet, die dann überraschenderweise acht Tage lang brannte. Das war wie ein Wunder: Denn das Öl in der Lampe hätte eigentlich nur für einen Tag reichen dürfen...

Die Bücher der Makkabäer erzählen in altem Griechisch von jenen Ereignissen, die dem Aufstand vorangingen: Ein eigenwilliger Despot, Antiochus Epiphanes, verbat nicht nur das Praktizieren der jüdischen Zeremonien, sondern sogar das Studium der Tora. Anstelle der jüdischen Schulen gründete er Gymnasien und Theater auf dem Boden jüdischer Propheten. Diese Gymnasien und Theater waren jedoch keine Bildungsanstalten. Sie wurden in Wahrheit den blutigen hellenistischen Wettkämpfen, aus denen die Besiegten selten lebend davonkamen, zur Verfügung gestellt. Die Arenen der Theater dienten immer wieder Massenveranstaltungen, bei denen die Gladiatoren ihre Kräfte mit den Kräften wilder Tiere messen durften.

In den Jahrhunderten der Diaspora blühte kein jüdischer Widerstand, es blieb nur der erduldete, bittere Leidensweg - ohne jede Form von Protest. Es galt lediglich die Hoffnung auf die g-ttliche Fürsorge und mit übermenschlicher Geduld, auf G-tt zu vertrauen, in Erwartung der g-ttlichen Erlösung...

Sowohl in den langen Jahrhunderten der Rechtlosigkeit der Israeliten als auch in der Neuzeit mit ihrer Emanzipation und Assimilation konnten und wollten die Rabbinen in den Makkabäern keine Freiheitskämpfer sehen. Vielmehr waren diese für sie fromme und religiöse Männer, deren Ziel und Verdienst es war, sich für „Chanukkat Hamisbeach" - für die Wiedereinweihung des Altars - selbstlos einzusetzen. Die Gebete und Zeremonien der Chanukkatage, die wir in diesem Jahr vom 16. bis 23. Dezember feiern, huldigen der Gnade G-ttes, die sich im Erfolg der Makkabäer erblicken ließ und läßt.