6. Jahrgang Nr. 12 / 15. Dezember 2006 - 24. Kislew 5767

„Zwischen Sowjetstern und Davidstern"

In Berlin erzählt eine Ausstellung die Geschichten von 13 jüdischen Veteranen der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg

„Es ging uns darum, diesen Menschen eine Stimme zu geben und sie somit zu würdigen. Ihnen gebührt unser Respekt und Dank"; sagte Hermann Simon, Direktor des Berliner Centrum Judaicums und Initiator der aktuellen Ausstellung „Zwischen Sowjetstern und Davidstern – jüdische Veteranen der Roten Armee 1945 und heute in Berlin". Historiker Christian Schölzel, der diese Idee mit seinem Münchener Team von „Cultur and more" gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern aus vier Berliner Gymnasien (Canisius-Kolleg, Jüdische Oberschule, Evangelisches Gymnasium zum Grauen Kloster sowie Gottfried-Keller-Gymnasium) umgesetzt hat, fügte hinzu: „Wir waren überrascht, wie offen diese Menschen uns ihre Geschichte trotz aller Ängste und Vorbehalte erzählt haben." Das Schicksal und die bewegenden Erinnerungen von 13 russisch-jüdischen Veteranen werden bei dieser Ausstellung auf Schautafeln und Fotos dokumentiert. Die Lebensgeschichten der 13 Veteranen werden in der Ausstellung nicht biografisch nacherzählt, sondern unter Schwerpunktthemen zusammengefasst: zum Beispiel, „Alltag in der Roten Armee", „Juden in der Roten Armee" oder auch „Frauen in der Roten Armee".

Die 13 ehemaligen Sowjet-Soldaten des Zweiten Weltkrieges, die inzwischen ihren Lebensabend in Berlin verbringen, haben ihre persönlichen Erinnerungen an ihre Zeit in der Roten Armee und an den mörderischen Rassenwahn der Nazis erzählt. Im Mittelpunkt der Berichte steht ihr jüdisches Selbstverständnis, dass damals gleichsam mit der antijüdischen Vernichtungsdoktrin der Nazis konfrontiert war. Der Berliner Vorsitzende des "Clubs der Kriegsveteranen", Jacob Resnik, erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass rund 500 000 Juden in der fünf Millionen Menschen umfassenden Roten Armee gegen die Nazis gekämpft haben.

Das Besondere bei der Recherchearbeit zur der Ausstellung war, dass die Interviews auf Russisch geführt wurden, so dass es keine Sprachbarrieren gab, vielmehr genug Raum für Emotionen und tiefe Betroffenheit. Darüber hinaus gelang es den wissbegierigen Schülern, die die Enkel der Veteranen sein könnten, ohne Scheu und Vorbelastung die richtigen Fragen zu stellen.

Christian Schölzel, der bereits viele historische Recherchen und

Interviews mit Zeitzeugen aus der Nazizeit geführt hat und die Schüler auf die Interviews mit den Veteranen vorbereitet hat, sieht darin die Besonderheit dieses Projektes. Und gerade dieser nicht nur methodisch sondern auch pädagogisch wertvolle Einsatz machte das Projekt aus Sicht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend förderungswürdig: Die Ausstellung wurde von dem Jugendprogramm gegen Rechtsextremismus „Civitas" gefördert.

Direktor Simon entdeckte bei der Schau einen kleinen Wehrmutstropfen und bedauerte im Gespräch mit der Zukunft zutiefst, dass von den 13 Zeitzeugen kein einziger bei den Partisanen gekämpft hat. Das sei vor dem Hintergrund, dass es bei den sowjetischen Partisanen nicht nur zahlreiche Juden, sondern sogar spezielle jüdische Partisanenbrigaden gab, die vor allem wegen ihres ungeheureren Muts und Geschicks bekannt waren, besonders bedauerlich. Gleichzeitig unterstrich Simon die Hoffnung, dass die Erweiterung des Projektes nicht nur neue Facetten der Geschichte erlauben würde, sondern gleichermaßen den Dank und Respekt an noch mehr jüdische Kriegsveteranen zum Ausdruck bringen würde. Irina Leytus

Die Ausstellung „Zwischen Sowjetstern und Davidstern" ist bis 30. Dezember 2006, von Sonntag bis Donnerstag von 10 bis 18 Uhr, Freitag bis 14 Uhr, im Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28 in Berlin Mitte, zu besichtigen. Weitere Informationen unter: www.cultureandmore.com.