6. Jahrgang Nr. 12 / 15. Dezember 2006 - 24. Kislew 5767

Gelungener Versuch

David Goldberg kam gegen seinen eigentlichen Wunsch nach Deutschland – und jetzt will er bleiben

Von Johannes Boie

„Nach Deutschland wollte ich auf keinen Fall", erinnert sich der orthodoxe Rabbiner mit der fast randlosen Brille, „nicht in ein Land mit dieser Geschichte." Doch in Deutschland werden in den jüdischen Gemeinden in den Neunziger Jahren dringend Rabbiner gebraucht und mehrere Gemeindevorstände bitten den orthodoxen Rabbi aus Israel, „zur Probe" nach Deutschland zu kommen. Denn: Zu viele Menschen sind plötzlich aus den Länder der ehemaligen Sowjetunion zugewandert. „Na gut", denkt sich Goldberg, der bis dahin in seiner Geburtsstadt Jerusalem gelebt hat. „Ein halbes Jahr auf Probe und dann gehe ich wieder zurück."

Aber: Der Rabbi hat die Rechnung damals wohl ohne seinen persönlichen beruflichen Ehrgeiz gemacht. Goldberg wuchs in Jerusalem in einer Familie auf, aus der seit Generationen Rabbiner und Kantoren hervorgegangen sind. So gab es für Goldberg nie einen Zweifel, in Bezug auf seinen Berufswunsch. Und hier in Deutschland stößt der Gelehrte plötzlich auf Probleme, die er aus Israel nicht kannte: Hier gibt es einfach zu wenige Rabbiner. Und die Zuwanderer brauchen dringend religiöse Begleitung, um zum Judentum zu finden. Da erkennt Goldberg seine Berufung: „Ich muss die Menschen aus den kommunistischen Ländern zur Religion bringen. Zunächst betreute Goldberg ein Jahr lang die Ost-Berliner jüdische Gemeinde.

„Nach einem Jahr habe ich erkannt, dass ich in anderen jüdischen Gemeinden mehr erreichen kann", erinnert sich der heute 58-Jährige Vater von sechs Töchtern. Jüdische Zuwanderer gibt es in ganz Deutschland und Goldberg verschlägt es schließlich nach Bayern. Nach einer Zwischenstation in Straubing, landet er schließlich in Hof. Von dort aus hilft er gelegentlich in Amberg, Bayreuth und Erfurt aus. „Für Beschneidungen fahre ich allerdings durch ganz Deutschland", erzählt Goldberg.

Der engagierte Rabbiner ist im positiven Sinne sehr umtriebig: Er gibt an deutschen Schulen jüdischen Religionsunterricht, er arbeitet als Kantor und hat ein Psychologie-Studium absolviert. Goldberg konzentriert sich auf seine Mission und scheut wenig Aufwand, um den jüdischen Zuwanderern ihre jüdischen Wurzeln und ihre Religion zu vermitteln. Seine Vorträge für die 500 Mitglieder seiner Gemeinde – „zu 99,9 Prozent Zuwanderer" – lässt er ins Russische übersetzen.

Doch es gibt auch einen Wehrmutstropfen: „Bei einem Drittel der Menschen muss ich resignieren", seufzt er. „Die sind für das Judentum nicht mehr zu erreichen." Umgekehrt hat er bisher zwanzig „Fälle" erlebt, die zu wirklich orthodoxen Juden geworden seien. Diese ehemaligen Schüler sind sein ganzer Stolz – sie arbeiten heute in der ganzen Welt als Rabbiner. „Es sollten Tausende sein", seufzt Goldberg.

Er weiß genau, wo er bei jungen Menschen ansetzen muss: „Zunächst müssen sie den Glauben wieder finden, dann macht auch die Lehre Sinn." Goldberg versucht, viele Menschen nach Israel zu schicken. Dort sei es leichter, den Glauben wieder zu finden – und zu leben. „Denken Sie nur an das koschere Essen!" Er selber bleibt schweren Herzens in Deutschland - denn: Die Mission - so Rabbi Goldberg – muss weiter gehen.