6. Jahrgang Nr. 12 / 15. Dezember 2006 - 24. Kislew 5767

Zwischen Integration und Diskriminierung

Studie über Anpassungsschwierigkeiten jüdisch-russischer Zuwanderer in Israel, den USA und Deutschland

Zukunft 6. Jahrgang Nr. 12
Zukunft 6. Jahrgang Nr. 12

Von Sylke Tempel

Seit 1991 emigrierten etwa 200.000 russischsprachige Zuwanderer nach Deutschland, das seit 2002 als Ziel noch vor Israel und den USA rangiert. Allein in New York leben 300.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Auch in Israel sind die etwa 1,1 Millionen „Russen" nicht zu übersehen. In Deutschland bleiben diese Menschen außerhalb der jüdischen Gemeinden, in denen russischsprachige Zuwanderer oft die Mehrheit stellen, jedoch fast unsichtbar.

Entstehen in Deutschland kleine „Parallelwelten"? Sind die Zuwanderer besser integriert als in den USA und Israel? Israelische, amerikanische und deutsche Forscher spürten auf Anregung des Moses-Mendelssohn-Zentrums in Potsdam genau dieser Frage nach. „Building a Diaspora. Russian Jews in Israel, Germany and Israel" heißt die Studie, die jetzt vorgelegt wurde. Um das wichtigste Ergebnis gleich vorwegzunehmen: der Schein trügt. „Ghettos" sind kein Zeichen für mangelnde Integration.

Russischsprachige Zuwanderer bilden zwar in allen drei Ländern starke Netzwerke und verfügen über ein ausgeprägtes Identitätsgefühl. In allen drei Ländern verstehen sie sich in erster Linie als „zugehörig zum jüdischen Volk" und in zweiter Linie als „Russen". Was nicht ethnisch bedingt ist, sondern kulturell. Überhaupt zeichnen sich die „Russen" durch ein ausgeprägtes Interesse an Kultur und außerordentlich hohe berufliche Qualifikationen aus.

Erst an dritter Stelle rangiert die territorial bedingte Identität als Israeli, Amerikaner oder Deutscher. Man lebe ja schließlich in diesen Ländern. Nur ist die Verbindung mit den USA oder Israel trotz einer starken Identität als „russischer Jude" wesentlich stärker als die Verbindung zu Deutschland. Nur ein einziger für die Studie befragter russischer Zuwanderer gab an, sich an erster Stelle als Deutscher zu fühlen. In Israel waren es immerhin etwa 20 und in den USA zehn Prozent. Eine große Mehrheit versteht sich problemlos als jüdische Russen und als Amerikaner oder Israeli.

Hierzulande hingegen finden es die Zuwanderer außerordentlich schwer, sich mit Deutschland zu identifizieren. Nicht nur das. Israel und die USA verfolgen zwar eine höchst unterschiedliche Einwanderungspolitik. In den USA sind hauptsächlich Nicht-Regierungs-Organisationen dafür zuständig, Immigranten beim Erwerb der Sprache oder der Suche nach Arbeit und Unterkunft Starthilfe zu gewähren. Die Staatsbürgerschaft und damit die Möglichkeit der aktiven Teilnahme am politischen Leben können Einwanderer nach drei Jahren erwerben. In Israel hingegen garantiert das „Rückkehrrecht" den sofortigen Erhalt der Staatsbürgerschaft; staatliche Hilfe fließt reichlich. Dennoch ähneln sich die Ergebnisse. Russischsprachige Zuwanderer haben Arbeit und gelten als durchaus erfolgreich. In Deutschland hingegen fließt staatliche Hilfe ebenfalls reichlich, und das Ausbildungsniveau der Einwanderer ist ebenso hoch wie in den USA und Israel. Trotzdem sind 40 Prozent der „Russen" in Deutschland arbeitslos.

In der Studie wird transparent, warum und in welchem Maß sich diese Zuwanderer ihrer „Gastgesellschaft" anpassen. Die historischen, soziologischen oder ökonomischen Faktoren aber, die zum Erfolg oder Scheitern einer Einwanderung beitragen, wurden nicht umfassend berücksichtigt. Natürlich, räumen die Autoren der Studie ein, dass jüdischen Einwanderern die Anpassung in einem jüdischen Staat oder einem Land mit einer ausgesprochen selbstbewussten jüdischen Minderheit wie den USA viel leichter fällt als in Deutschland. Warum sollten sich Juden mit dem Land der Täter identifizieren?

Erst in jüngster Zeit versteht man sich in Deutschland als Einwanderungsland. Gut gemeinte Maßnahmen, wie die Verteilung der Zuwanderer nach einem Schlüssel, müssen nicht erfolgreich sein. So nämlich schneidet man sie von einem Netzwerk und potentiellen Arbeitsmöglichkeiten ab. Auch die im Vergleich zu Israel und den USA schlechtere Wirtschaftslage in Deutschland bekommen vor allem die Einwanderer zu spüren. Schon die Anerkennung der beruflichen Qualifikationen wäre hier hilfreich.

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 45 vom 9.11.06