6. Jahrgang Nr. 11 / 24. November 2006 - 3. Kislew 5767

„Wir gingen gern in unsere Schule!"

In Berlin erzählt eine Ausstellung die Geschichte der zionistischen Theodor-Herzl-Schule - 50 ehemalige Schüler trafen sich zum ersten Mal wieder in Berlin

Von Irina Leytus

„Erst ab einem gewissen Alter will man nicht nur nach vorne, sondern auch zurück schauen", sagt der 85-jähriger Aldin Talban. Es ist der Versuch einer Erklärung, warum erst vor zehn Jahren sein „1. Klassentreffen" stattgefunden hat. Talban besuchte die zionistische Theodor-Herzl-Schule, die eine der wenigen jüdischen Schulen war, die jüdische Kinder während der Nazizeit besuchen durften. Nach dem Krieg dann mussten Talban und seine Mitschüler, die dennoch Deutschland verlassen hatten, sich zunächst um ihr blankes Überleben in einem neuen Umfeld – in Israel, England, Nord- und Südamerika - kümmern.

Das erste Treffen von ehemaligen Herzl-Schülern fand in einem Kibbuz in Israel statt. Und die Resonanz war enorm: 100 „Ehemalige" sind damals gekommen. Ihre Erinnerungen an eine gemeinsame Schulzeit wurden dokumentiert und anschließend als Buch herausgegeben. „Das sind wir unseren wunderbaren Lehrern schuldig!", so Talban.

Die Schule, die von der zionistischen „Minderheit" im Berlin der Zwanziger Jahre gegründet worden war, wurde vor 1933 von etwa 200 jüdischen Schüler besucht. Die Situation veränderte sich dramatisch, als nach dem Inkrafttreten von Rassentrennung Schüler mit jüdischer Herkunft ihre ursprünglichen Schulen verlassen mussten. Die Folge: Innerhalb kürzester Zeit gab es plötzlich 600 Schüler an der Theodor-Herzl-Schule. Pikanterweise musste sich die Schule aufgrund des rasanten Schülerzuwachses neue Räume suchen, den das eigentliche Gebäude an der Klopstockstraße in Tiergarten reichte bald nicht mehr aus und das neue Schulgebäude war am Kaiserdamm in unmittelbarer Nähe zum Adolf-Hitler-Platz.

Adin Talbar besuchte die Herzl-Schule als sie noch an ihrem ursprünglichen Standort, an der Charlottenburger Fasanenstrasse, war. Da seine Eltern nicht nach Tiergarten mitziehen wollten, wechselte der junge Adin die Schule und ging fortan ins Goethe-Gymnasium - bis 1933. Nach dem Sommer begann 1933 das Schuljahr mit dem Verlesen der Liste mit Namen von Schülern, die die Schule ab sofort nicht mehr besuchen durften. Bei Talbar wurde allerdings eine Ausnahme gemacht, weil sein Vater ein bekannter Veteran des 1. Weltkrieges war. Tragischerweise kam es wenige Tage nach Schulbeginn zu einem unerträglichen Streit zwischen Talban und einem Mitschüler, so dass Talban sich entschied, die Schule umgehend zu verlassen. Ein Mitschüler hatte ihm ein Zettel mit der Aufschrift „Juden raus!" zugesteckt und ihn verprügelt. Da war die letzte Rettung die Theodor-Herzl-Schule. „Aber natürlich nehmen wir Ihren Jungen!" versprach Schuldirektorin Paula Fürst und für den Jungen fing die „glückliche Zeit, spannend beschäftigt zu sein, interessant zu lernen und vor allem Sport zu machen" an.

„Diese Schule war, selbst aus heutiger Sicht, sehr modern. Es gab einen intensiven Austausch zwischen Lehrern und Schülern, es gab eine Elternvertretung und die Kinder wurden individuell gefördert. „Das war damals etwas ganz besonderes", erinnert sich Martin-Heinz Ehlert, der damals Schüler einer ganz „normalen" deutschen Schule war und seit Jahren die Geschichte der Herzl-Schule recherchiert. Ehlert gelang es vor Jahren, Kontakt zu ehemaligen Schülern aufzunehmen, das diesjährige Ehemaligen-Treffen zu organisieren und eine kleine Ausstellung über die Schule zu präsentieren. Besonders fasziniert ist der Hobby-Forscher von der Integrität der ehemaligen Lehrern: „In Zeiten, als die eigene Existenz genauso bedroht war, wie die der Schüler und der Eltern, fanden die Lehrer die Kraft, um den Schülern Hoffnung und - trotz allem Leid - Selbstbewusstsein zu vermitteln." Legendär ist Geschichte der Schulleiterin Paula Fürst, die einiger ihrer Schüler mit einem Kindertransport nach England begleitete, dann jedoch nach Deutschland zurückkehrte, um ihre übrigen Schülern moralisch zu unterstützen. Bis zu ihrem Ende - in Auschwitz.

Viele ihre Schüler haben den Krieg überlebt. Und in diesem Jahr kamen immer noch 50 Ehemalige zum „3. Schultreffen". Auch wenn einige Schüler nach der Schoa immer wieder zu Besuch in Berlin waren, so war das gemeinsame Wiedersehen der Stadt ihrer Kindheit und Jugend etwas ganz besonderes. Auch die Begegnung mit Martin-Heinz Ehlert, mit diesem „ehrlichen, wunderbaren, im wahrsten Sinne des Wortes einfachen Menschen und waschechten Berliner, hinterließ bei uns wunderbare und ganz neue Eiundrücke", so der 85-Jährige.

Die Ausstellung „Wir gingen gern in die Schule" ist bis zum 22. Dezember montags bis freitags, 10 bis 18 Uhr, in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (Warschauer Strasse, 34 in Berlin. Telefon: 030/ 29 33 60 34) zu besichtigen.