4. Jahrgang Nr. 6 / 25. Juni 2004 - 6. Tamus 5764

Scharlatane und die Kabbala

Von Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart

In letzter Zeit vergeht kaum eine Woche, in der Journalisten nicht nach Inhalt und Wesen der Kabbala fragen. Das seit einiger Zeit erwachte Interesse verdanken wir vermutlich der Sängerin Madonna. Sie bezeichnete sich in einem Gespräch als „Kabbalistin“. Dies hat scheinbar genügt und schon entstanden allerorts dubiose, nichtjüdische „kabbalistische Kreise“. Daher wollten wiederum andere darüber mehr erfahren, sich informieren. Diese Neugierde griff die Presse dankbar auf. Die Kabbala zu erklären, ist nicht leicht. Es handelt sich nicht um einen gängigen Gegenstand unserer Konsumorientieren Welt. Das hebräische Wort bedeutet: Überlieferung oder Übernahme einer Überlieferung. Im jüdischen Gemeindeleben verwenden wir den Begriff „Kabbala“ in Verbindung mit dem Schabbat: Kabbalat Schabbat, heißt die synagogale „Veranstaltung“ am Freitagabend.

Zu allererst aber ist die Kabbala eine jüdisch-mystische Lehre, eine Philosophie, eine Geheimlehre aus dem 12. Jahrhundert. Jüdisches Gedankengut verschmolz mit mystischen Spekulationen über den einzigen G-tt und seine Welt. Die Kabbalisten des 12. Jahrhunderts bildeten einen exklusiven Kreis aus wichtigen jüdischen Gelehrten, die nach langjährigen, intensiven Studien der Tora und des Talmud ihre eigenen Vorstellungen über die jüdische Esoterik, über die Schöpfung aus dem Nichts, über Gut und Böse, über Kawana – das andächtige Beten - und über sehr viel mehr niedergeschrieben haben.

Ich hätte nun gerne gewusst, wie Madonna ohne jüdisches Studium oder Wissen und ohne die hebräische Sprache zurecht kommt…Wahrscheinlich erhält sie ein Extrakt, vielleicht „gefriergetrocknet“.

Nicht ohne Stolz auf unsere Ahnen, tue ich kund, dass die Kabbala vor allem im 12. bis 13. Jahrhundert unter den Juden des Rheinlandes, unter den deutschen Chassidim zu Hause war. Es war die bedeutendste geistige Bewegung, die das deutsche, aschkenasische Judentum prägte. Auch in der Provence und im Languedoc gab es Zentren für das Kabbalastudium. Zutreffend stellt der größte aus Deutschland emigrierte Gelehrte der Kabbala, Gerschom Scholem, fest: „Die jüdische Mystik ist im wesentlichen Theosophie, Versenkung in die Geheimnisse der Welt der G-ttheit, und ihres Wirkens in ihrer Verbindung mit der Schöpfung und mit dem Rätsel des Daseins der Welt überhaupt“. Um ehrlich zu sein: Das ist keine „leichte Kost“! Die überwiegende Mehrheit der Juden hat bis heute - wenn überhaupt - dann nur am Rande die Kabbala, die Geheimlehre, verinnerlicht. Die Theosophie ist die „Weisheitslehre von G-tt“ - ein Versuch, die Welt als Entwicklung G-ttes zu erkennen.