6. Jahrgang Nr. 11 / 24. November 2006 - 3. Kislew 5767

Das jüdische Drama

Warum Leo Baecks Leben und Werk auch im 21. Jahrhundert nicht an Bedeutung verloren haben

Von Alfred Bodenheimer

Was bleibt, 50 Jahre nach Leo Baecks Tod, von ihm in der Gesellschaft präsent? Ist es die historische Persönlichkeit, die bereit war, als Vertreter der Juden im nationalsozialistischen Deutschland zu wirken und auch dort zu bleiben, bis hin zur Deportation nach Theresienstadt – eine Integrität verkörpernd, der letztlich auch die zum Teil scharfen Kritiken etwa von Hannah Arendt nichts anhaben konnten? Oder ist es das Denken, festgehalten in zahlreichen Büchern, wovon das erste das wirkungsvollste blieb? Die beiden Aspekte sind nicht voneinander zu trennen. Ikonen haben es schwer.

Ein Name, nach dem Institute, Colleges, Jahrbücher, Preise, Gebäude und Straßen benannt sind, scheint so gegenwärtig zu sein, dass die eigentliche Person und vor allem ihr Werk dahinter zuweilen kaum mehr Beachtung finden. Dabei könnte Leo Baecks Perzeption vom Judentum durchaus Impulse geben für ein Judentum im 21. Jahrhundert, obwohl dessen Umwelt sich gegenüber der Welt Leo Baecks wesentlich unterscheidet.

Betrachtet man Deutschland vor hundert Jahren und heute, so erübrigt sich die Frage nach Vergleichbarkeiten. Der noch junge Gelehrte setzte sich in seinem vielleicht wichtigsten Buch vor hundert Jahren mit Adolf von Harnacks „Wesen des Christentums" auseinander, einem damals sehr einflussreichen theologischen Werk, das, vorab über das Pharisäertum der neutestamentlichen Zeit, das Judentum als durch ihre Gesetzlichkeit erstarrte religiöse Verfallserscheinung darstellte. Baecks dezidierte Antwort hieß „Das Wesen des Judentums".

Das Buch hat notgedrungen eine polemische Note: Die im Gegensatz zur Gesetzlichkeit gefühlsbetonte Gläubigkeit des Christentums generiere „oft die religiöse Gefallsucht, die Koketterie der Frömmigkeit", schreibt Baeck an einer Stelle und fährt fort: „Das Pharisäertum, in dem Sinne, wie die Sprache zwar nicht geschichtlich richtig, aber für so manche Erscheinung bezeichnend diesen Ausdruck geprägt hat, ist bisweilen etwas spezifisch Protestantisches." Sind diese Spitzen gegen Harnack und gewisse apologetische Verweise auf die jüdische „Feindesliebe" einprägsames Zeugnis einer Konfrontation selbst der aufgeklärteren Kirche mit dem Judentum vor hundert Jahren, so liegt das Zeitlose dieser Schrift, die Baeck in den 20er Jahren noch einmal stark überarbeitet und erweitert hat, in dem, was Baeck einen „ethischen Monotheismus" nennt, der „die Welt mit Gott versöhnen" soll.

Dem Wesen des Judentums, wie Baeck es entwirft, entspricht eine Gemeinde, die weder Vereinzelung des Menschen außerhalb einer für ihn verantwortlichen Gesellschaft noch Untergang des Individuums in der ihrer Quantität nach zählenden Masse zulassen kann. Das Prinzip der Umkehr zeugt ebenso von einer dauernden Selbstüberprüfung des Menschen wie von der autonomen Regulierbarkeit des eigenen Handelns und schließlich der sozialen Verantwortung gegenüber dem Fehlverhalten des anderen. Gott garantiert eine Bezogenheit des Handelns, die im Umgang mit dem Mitmenschen göttlicher Autorität eingedenk ist. Was ist daran so aktuell?

Es ist ein Konzept, das, auch wenn es hier kritisch auf die Luthersche Glaubenslehre bezogen verfasst, letztlich auch auf heutige religiöse Modelle anwendbar ist. In einer Gegenwart, da Religion zwar wieder eine große Rolle spielt, aber entweder als therapeutische Lebenshilfe mit Zuschnitt nach Eigenbedarf verstanden wird oder aber als kompromissloser Gottesauftrag, der über dem Wert menschlichen Lebens steht, kann ein in seinem Wesen der Ethik zugewandter Monotheismus, der „nicht das letzte Wort eines alten bis dahin gelangten Denkens, sondern das erste Wort eines neuen Denkens, einer neuen sittlichen Logik" ist, nicht hoch genug veranschlagt werden.

Vielleicht ist diese Schrift „Das Wesen des Judentums" auch deshalb heute noch zugänglicher als viele spätere Baecks, weil sie noch nicht vom berühmten Rabbiner geschrieben ist, weniger pastoral, weniger trost- und sinnspendend, sondern mit jugendlichem Furor erklärend, zuordnend, auch zupackend – ein Buch, das von der immer auf die Einhaltung des Gebots ausgerichteten „optimistischen Tragödie" der Bibel spricht, vom jüdischen Drama des Menschen, das „von allem Orient und Occident unterschieden" sei.

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 44 vom 2. November 2006